Zehra İpşiroğlu ☆ DEUTSCHAktuelles

Aktuelles

Vortrag und Lesung  im Rahmen von einer Einladung vom Ministerium für Europa und Medien des Landes Nordrhein Westfalen  (13. 09. 2011)

 

 

Zehra İpşiroğlu

 

Gegenblicke vom Rand und der Mitte Europas: mein Leben und Schreiben zwischen Türkei und Deutschland

 

Ich  lebe als türkische Autorin in Köln und Istanbul. Meine Deutschlanderfahrung umfasst mehrere Jahrzehnte.  In dem heutigen Vortrag möchte ich zeigen, wie mein Leben es mir ermöglicht hat, vom Rande und aus der Mitte Europas kritische Blicke auf Deutsch-türkische Beziehungen zu werfen.  

Vor etwa  fünfzehn Jahren hatte mich die bekannte  Fotografin Ingrid von Kruse gefragt, ob ich an ihrem Ausstellungsprojekt  ‚Portraits aus Europa‘ teilnehmen wolle. Wie sehen Autoren, Künstler, Politiker, Intellektuelle Europa? Aus vielen europäischen  Ländern hatte sie Menschen ausgewählt, die sie fotografieren wollte.  Zu diesen Fotos sollte jeder  Portraitierte seine persönliche Beziehung zu Europa kurz darlegen. Ich freute mich natürlich, in einem Buch zu erscheinen, in dem Frederico Fellini, Vaclav Havel, Eugene Ionesco oder Dietrich Fischer- Dieskau vertreten waren, denn zu diesen Künstlern habe ich einen besonderen Bezug. Jeder von ihnen hatte mich ein Stück weit  in meinem Leben begleitet, ja geprägt. Was mich aber am meisten freute, war, dass in diesem Ausstellungs- und Buchprojekt auch eine türkische Stimme dabei sein sollte. Denn ich fühle mich als Europäerin, wenn auch als Randeuropäerin, und ich bin es - wie viele meiner Landsleute - gewohnt, immer wieder an den Rand gedrängt zu werden. Wer an einem Ort lebt, den andere Leute, die glauben, selbst im Zentrum zu sein, als „Rand“ betrachten, der wird oft in Rollen gedrängt, die weder mit ihm noch mit seiner Lebensgeschichte etwas zu tun haben. Wie  oft habe ich in meinem eigenen Leben die meistens verwunderte, zugleich etwas verlegene Frage gehört, ob ich wirklich eine Türkin sei, was denn meine Identität sei - als gäbe es eine Identitätsschublade, in die alle Türken schnell hineingestopft werden könnten -, ob ich auch jede Woche in die Moschee gehe, nach den Regeln des Islam lebe - als würden auch in Deutschland jede Woche alle in die Kirche laufen. Die Diskrepanz zwischen dem, was man ist, und wie man wahrgenommen wird, ist eben gerade bei Menschen sehr groß, die sich selber dazugehörig fühlen, aber von anderen als fremd eingestuft werden.

Das Besondere, zugleich fast eine merkwürdige  Umkehrung, die ich als Randeuropäerin erfahre, ist, dass ich mich universellen Werten wie Menschenrechte oder Frauenrechte - die zuerst in Europa erkämpft worden sind -, noch stärker verbunden fühle als viele  heutige Europäer, die diesen Rechten gegenüber leider oft  zu einer „postmodernen Beliebigkeit“ tendieren. Vor ein paar Jahren  wurde während der Ruhrtriennale im Theaterstück „Fort Europa“ des holländischen Regisseurs Johan Simons  gezeigt: das negativ utopische Warnbild eines degenerierten und müden Europa, das nur aus Chauvinismus, Rassismus und Konsum besteht. Nach und nach verlassen alle Menschen mit Kind und Kegel Europa, um in fremde Länder zu ziehen, in denen sie von vorne beginnen können. Das war genau das Gegenteil von meinem Europabild, das trotz großer Enttäuschungen immer noch mit meinem Glauben an das Projekt einer humanen Modernisierung einhergeht. Denn als Randeuropäerin kann man sich den Luxus des Überdrusses, der Langeweile, der Müdigkeit und der Resignation nicht leisten. Die Probleme im eigenen Land sind so belastend und schwerwiegend, dass der Impuls, sich damit auseinanderzusetzen, Widerstand zu leisten und vielleicht auch zu positiven Entwicklungen und Änderungen beizutragen, eine besondere Herausforderung bleibt.

 

Wie ich deutsch lernte

Die deutsche Sprache lernte ich mit neun Jahren in meiner Heimatstadt Istanbul von Brigitte, einem Au-pair Mädchen aus bürgerlichem Hause. Brigitte war schön wie eine Märchenprinzessin, aber sie hatte weder eine Ahnung von Kindern noch von Sprachunterricht. Am wenigsten davon, was man mit einem aufsässigen, rebellischen  Mädchen  macht, das zwar neugierig, aber keineswegs lerngierig war?  Da half kein  Zureden, kein Geschimpfe,  keine Handgreiflichkeiten, das Kind weigerte sich mit aller Kraft, die langen Grammatik-Tabellen auswendig zu lernen. Dafür mochte es umso mehr die gemeinsamen Spaziergänge durch Istanbul, immer mit einer Horde von Männern hinter ihnen. Nun war Brigitte nicht nur schön wie eine Prinzessin, sondern auch stark wie eine Amazone. Wehe, wenn ein Mann sich ihr zu sehr näherte, schon konnte er ihren spitzen Stöckelschuh zu spüren bekommen. So dramatisch und aufregend diese Spaziergänge, so unerträglich war der Deutschunterricht.  Das Kind  blieb  auf Kriegsfuß mit allem was in dem Grammatikbuch stand, von den bescheuerten Artikeln bis zu den komplizierten Konjugationen. “Mag nicht, lass mich in Ruh „waren die Worte, die es sich am besten merken konnte. Das zahlte die schöne Amazone mit Backpfeifen heim. Dann plötzlich kam die  unerwartete Wende: ein altmodisches Lesebuch, aber mit Bildern drin. Das Kind wurde neugierig. Die erste Geschichte, die es las, war ein Ausschnitt aus Theodor Storms “Immensee”.  Es verstand zwar nicht viel,  witterte aber, dass es den beiden kleinen Blondschöpfen, die da im Garten herumtollten, viel besser ging als ihm, gefangen in der deutschen Grammatik. Aber sehr bald sollte es  merken,  dass es Schlimmeres gab als Gefangensein, z. B. den Tod. Das Kind las Goethes ‚Erlkönig‘ und hörte und sah dann nachts den galoppierenden Reiter:  “Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an, Erlkönig hat mir ein Leids getan!”. Schreiend wachte es auf  und umarmte fest ihre Gefängniswärterin, die es vom Erlkönig retten sollte. Noch heute graust es mir ein wenig, wenn ich das Gedicht lese. Das Eis schmolz aber erst, als das Kind   plötzlich bereitwillig das erste Kapitel von Eichendorffs “Taugenichts” auswendig lernte.  Es berauschte sich geradezu an den Sätzen, denn aus ihnen entstand eine wunderbare Zauberwelt mit  zwitschernden Vögeln, leuchtenden bunten Blumen, der sich drehenden Mühle. In diese Wunderwelt eintretend, vergaß es das Gefängnis.  Und zur Belohnung bekam es dann von den Eltern Kinderbücher: Da waren die urkomischen Kasperle-Geschichten, sehr einfach zu lesen, das Försterkind Pucki und Rosemarie auf der Heide, beide jeweils in ganzen Bücherserien. Wenig später  “Das doppelte Lottchen”, “Emil und die Detektive” von Erich Kästner - das konnte es  jetzt  mühelos  alleine lesen.  Mit jedem Buch eröffnete sich ihm eine neue Welt. Die Pucki-Geschichten waren wie eigene Reisen in ein exotisches Land: alles  so fremd,  zugleich so vertraut.

War die Rede von der deutschen Schule in Istanbul, in die das Mädchen bald kommen sollte,  wurde es richtig aufgeregt. Der Schule aus leidvoller Erfahrung feindlich gesinnt, dachte es: In der deutschen Schule wird es ganz anders als in der türkischen Kinderquälanstalt. Dieses positive Deutschlandbild hatte es wohl von seinem Vater geerbt, der als Professor für Kunstgeschichte an der Istanbul-Universität arbeitete. Er hatte in Berlin in einer gebildeten Atmosphäre  Philosophie studiert und in Bonn ein Kunststudium abgeschlossen. Das Mädchen  kannte auch die deutschen Freunde der Eltern, feine und höfliche Herren und Damen, Kollegen des Vaters, darunter bekannte Geisteswissenschaftler, z. T. führende Köpfe der Adenauerzeit. Nur, die Herren waren oft von ihrem eigenen Denken und Forschung so besessen, sie nahmen das Mädchen gar nicht wahr,  nur die Damen gönnten ihm gnädig  kleine Geschenke: Papierpuppen, Bücher, Schokolade.  Das gefiel ihm ganz gut, weniger jedoch, was ihrem Vater an diesen Damen missfiel und was er ihr  “natürlich robustes Aussehen ” nannte,  denn damals  legten die Deutschen viel Wert auf sogenannte Natürlichkeit, weniger auf Design, Körperkult und Inszenierung. Das war noch vor der Amerikanisierungswelle. Unter den Herren gab es einige, die nazibraun gewesen waren und die Uni Istanbul als Professoren-Waschanlage zu nutzen wussten, z.B. der  Germanist Gerhard Fricke,  der bei der Bücherverbrennung mitgemacht  hatte, aber darüber sprach man damals nicht. Fricke war unheimlich anzusehen, wenn er einen Redeanfall bekam. Sein Wortschwall steigerte sich dann immer mehr, er war  nicht mehr zu bremsen, sein Mund schäumte,  fast wie bei einem epileptischen Anfall, und mein armer Vater, der auch gern redete, musste sich als Gastgeber höflich zurückhalten.. Während dessen musste meine arme Mutter, die als Pianistin ausgebildet war, am Klavier Frau Fricke begleiten, die als Amateursängerin mit quietschender  Stimme Schubert-Lieder zum Besten gab. Alles in allem jedoch fand das Mädchen die Deutschen zwar recht seltsam,  (aber das waren schließlich alle Erwachsene), doch ganz manierlich und nett, auch Kindern gegenüber, warum sollte die deutsche Schule anders sein? Allzu bald sollte es erfahren, dass es sich da gewaltig geirrt hatte.

Disziplin, Ausdauer, Fleiß: Die deutsche Schule in Istanbul

Disziplin, Ausdauer, Fleiß und geradezu militärischer Gehorsam waren die Prinzipien der deutschen Schule, Prinzipien von denen ich nicht gerade viel hielt.  So zog ich mich in meine Phantasiewelt zurück. Ich kümmerte mich um nichts, dafür alberte und lachte ich viel, einzige Zuflucht aus dieser Drill-Atmosphäre. Damit  machte ich die Lehrer fast wahnsinnig, vor allem die, welche vielleicht sogar Exnazis waren. Brüllende und schlagende Lehrer gehörten zur Tagesordnung. Nur Fräulein Bron, eine dürre Bohnenstange mit langen Beinen, die ein bräunlich-blonder Haarschaum bedeckte,  war fein, still und freundlich. Redete man sie aber statt mit “Fräulein” mit “Frau” an, wurde sie fuchsteufelswild. Auch konnte sie es nicht aushalten, wenn man während des Unterrichts das kleinste Geräusch machte, selbst ein Papierrascheln machte sie wahnsinnig. Wer erwischt wurde, hatte sich an die Tafel zu stellen. Die Jungen raschelten extra, um ihre lang ausgestreckten Beine unbemerkt  aus der Nähe zu begutachten und dabei die frechsten Fratzen zu schneiden. Ich war ein Outsider in der Klasse, nicht nur, weil ich die denkbar schlechtesten Noten bekam, sondern auch, weil ich die jüngste war und mit den anderen Mädchen in der Klasse, die teilweise schon auf  Liebschaften aus waren,  gar nicht mithalten konnte. Die Lehrer hatten mich  als hoffnungslosen Fall längst abgeschrieben. Nur unser Deutschlehrer war über mich sehr irritiert, denn überzeugt davon, dass ich kein Wort Deutsch könne, weil ich  wegen meiner Grammatikallergie  die gräulichsten Klassenarbeiten schrieb, konnte er  es  gar  nicht fassen, dass  ich Aufsätze in einer sonderbaren  wir würden heute sagen postmodernen Stilmischung  zwischen Eichendorff, Kästner und Kasperlebüchern schrieb. Mein passiver Widerstand gegen die Schule hatte zur Folge, dass ich bei einem Psychologen landete. Der hielt mir Symmetriebilder  aus Tintenklecksen  vor die Nase. Da ich darauf aber selbst mit bestem Willen  keine Katzen, Gespenster oder Lehrer in Teufelsgestalt sehen konnte, sondern nur symmetrische Kleckse, war die  Diagnose, dass ich überfordert sei. So wurde ich zu meiner großen  Freude von der Schule genommen und hatte eine Zeitlang Ruhe. Meine einzige Sorge war, wann ich wohl wieder rein musste.

Was bei den Deutschen “anders” ist

Das war 1960, als infolge des ersten Militärputsches in der Türkei mein Vater zusammen mit 147 anderen Professoren aus der Universität flog und arbeitslos wurde. Außerdem begleitete ihn  wie ein Schatten auf Schritt und Tritt ein Zivilpolizist. So hatten die  Erwachsenen damals  andere Sorgen als ich. Als mein Vater dann eine Gastprofessur in Tübingen erhielt, kam ich mit zwölf Jahren zum ersten Mal nach Deutschland. Von Istanbul nach Tübingen: also in eine Idylle! Ich wunderte mich über die Arbeitsfreudigkeit der Deutschen. Wenn ich meine Freundin Susanne am Wochenende besuchte, kamen wir Kinder kaum zum Spielen, pausenlos wurden wir ermuntert, mit aufzuräumen, sauber zu machen, Müll weg zu bringen. Die Erwachsenen selbst waren echte Arbeitstiere, ein  zwangloses, ausgedehntes, fröhliches  Treffen zum Essen, Trinken und Plaudern wie bei uns zu Hause  gab es hier kaum. Meine Mutter erklärte das abwertend damit, dass die  Deutschen  eben keine Ess- und Geselligkeitskultur hätten. Dabei hätte sie es bestimmt begrüßt, wenn wir Türken etwas weniger von dieser Kultur hätten, denn die meiste Arbeit musste sie ja tun. Mein Vater dagegen, der gar nichts gegen unsere Ess- und Unterhaltungskultur hatte,  sprach fast ehrfürchtig  von einer höheren geistigen Kultur der Deutschen. Womit beide Eltern wenig anfangen konnten, das war die schwäbische Mentalität: “Schaffe, spare, Häusle baue!”, die Vorsorge und Planung bis in kleinste Einzelheiten.  Einmal lag mein Vater mit einer harmlosen Krankheit im Bett. Wie vor den Kopf gestoßen war er, als er erfuhr, dass unsere Vermieterin sich bei meiner Mutter besorgt erkundigt hatte, ob Herr Professor wohl sein Testament gemacht habe,  und ihren Mann selig dafür lobte, dass er für alles so gut vorgesorgt habe.  Ich wunderte mich sehr über die deutschen Professorenfrauen, die von ihren Ehemännern so sprachen, als wären sie höhere Wesen,  über eine Klassenkameradin, genannt ‚Tante Irmi‘, die nach dem Tod ihres Vaters über ein Jahr lang in pechschwarzen Kleidern herumlief, über die sonntäglichen Kirchgänge der meisten Familien.  Wenn ich auf die sehr häufige Frage nach meiner Religion Islam sagte, weil das im Pass stand, dann hagelte es weitere Fragen: Würden wir in Istanbul auch immer in die Moschee gehen, trügen die Frauen bei uns Kopftücher, hielten wir uns an das Alkohol- und Schweinefleischverbot usw.? Ich wurde dann immer etwas verlegen,  denn Kopftuchfrauen kannte ich keine, einfach deshalb, weil es damals in Istanbul noch kaum welche gab. Wein tranken meine Eltern fast jeden Tag und luden dazu auch noch Gäste ein,  und nach Würstchen aus Schweinefleisch, vor allem den leckeren Nürnberger Bratwürstchen war ich so süchtig, dass ich einmal krank davon wurde. Moscheen aber hasste ich ebenso wie Kirchen, Kathedralen und Museen. Denn kaum in Tübingen angekommen, machten wir als Kunsthistorikerfamilie ständig  Besichtigungsreisen, aus einer Kirche raus, in die nächste rein. Während ich gelangweilt  hinter meinen Eltern hertrottete, faltete mein vierjähriger  Bruder brav  seine Händchen zusammen und betete still für sich, genau  wie er es im deutschen Kindergarten gerade gelernt hatte. So zuwider mir Kirchen waren, plötzlich ging ich dennoch oft ganz freiwillig in die Kirche: Denn es ergab sich, dass ich wegen meiner guten Sopranstimme in einen Kirchenchor aufgenommen wurde. Von der wunderschönen Musik berauscht, setzte ich  mir sogar in den Kopf, Sängerin zu werden. Außerdem verliebte  ich mich in den Pfarrer, einen  engelhaft schönen blondlockigen jungen Mann  mit himmelblauen Augen und  sanfter Baritonstimme. Sobald er  zu predigen anfing, verwandelte sich die Kirche für mich in einen  pompösen Opernsaal, und ich sah mich als eine von allen bewundernde Diva mit ihm zusammen auf der Bühne, und wir sangen, einander tief in die Augen schauend, das schönste Duett. Sobald Predigt zu Ende war und die Musik wieder einsetzte, musste ich zu meiner bescheidenen Rolle als Choristin zurückfinden.

In die Schule aber ging ich zum ersten Mal in meinem Leben richtig freudig. Im Uhland Gymnasium gab es keine kasernenartige Atmosphäre, keine kommandierenden und brüllenden Lehrer, kein Auswendiglernen, keine Angst, keinen Dauerstress wie in der deutschen  Schule in Istanbul. Zu  meinen Klassenkameraden  hatte ich viel mehr Zugang als in Istanbul , weil fast alle aus mir vertrautem bildungsbürgerlichem Milieu kamen.  Auch war es für sie damals etwas ganz Besonderes, dass sie eine Türkin in der Klasse hatten, alle waren neugierig, einige  hätten sogar gern Türkisch gelernt, so interessant fanden sie meine Muttersprache. Plötzlich gehörte ich richtig dazu, war kein Outsider mehr wie in Istanbul.

Von Nonnen bewacht

Mit siebzehn landete ich dort wieder, diesmal in der österreichischen Klosterschule.  Ich hoffte, sie werde eine Spur menschlicher sein als die deutsche Drillanstalt.  Das stimmte zum Teil auch, mir gefiel die österreichische Gemütlichkeit, weniger aber die strengen Nonnen, die uns auf Schritt und Tritt  bewachten. Die Schule glich mit ihrem fest verschlossenen Schultor einem Gefängnis.  Außerdem gab es Faschistoides leider auch hier:  Lehrer, die brüllten und tobten, auch der Schuldirektor. Er hatte aufgrund seiner fetten, runden Figur den Spitznamen Köfte, d. h. Bulette, und kugelte wie in einer Schmierenkomödie ständig herum, auf der Lauer nach Missetätern. Mich erwischte er gleich zweimal. Das eine Mal wollte ich ihm meinen flotten schwarzen Regenmantel als meine Schuluniform  weismachen, das Ergebnis war ein Disziplinarverfahren mit drei Tagen Schulverbot, das konnte ich verschmerzen. Das  zweite Mal  traf er mich aber ziemlich hart, und das war ausgerechnet beim Abitur. Ich hatte den Prüfungstermin im Fach Militärkunde versäumt,  aber den türkischen Fachlehrer, der hübsche  junge Mädchen mochte, herumgekriegt,  die Prüfung nachzuholen. Köfte jedoch wollte davon überhaupt nichts wissen. So fiel ich als einzige in Militärkunde durch. Nicht genug damit, er stellte mich bei der Maturafeier  wegen meiner Nachlässigkeit auch noch vor  der ganzen Schule bloß. Ich aber hatte mittlerweile längst ein dickes Fell gegenüber solchen Gehässigkeiten.

In Berlin  muss man sich vervielfachen

In dem turbulenten Jahr 1968 war ich Studentin erst in Freiburg, da flogen Papierflugzeuge und Bonbons durch die Vorlesungssäle, dann in Istanbul, da wurde wild geschossen, auch an der Uni. Am Rhein waren die Studentenunruhen eher ein Kindergartenspiel, am Bosporus lebensgefährlich. In Istanbul lernte ich dann den Chefdramaturgen des Berliner Schillertheaters Albert Bessler, und seine Frau, die Schauspielerin Else Reuss, kennen. Sie schlossen mich in ihr  Herz  und  holten mich nach Berlin. Dort lebte ich

mich vervielfachend  mehrere Leben auf einmal, für Politik  blieb mir dabei zur Beruhigung meiner Eltern kaum Zeit. Ich suchte, meinem alten Berufswunsch folgend, zum Vorsingen  Elisabeth Grümmer auf, eine bekannte Sängerin der Nachkriegszeit, jetzt eine gesetzte ältere Dame. Sie war von meiner Stimme zwar sehr angetan und unterrichtete mich eine Zeitlang, aber zu einer Sängerinnenkarriere reichte es bei mir nicht. Stattdessen sang ich im Bachchor der Gedächniskirche, besuchte Vorlesungen bei dem bekannten Lyriker und Germanisten Walter Höllerer, ging zu den Proben von “Warten auf Godot”, als Beckett selber das Stück im Schiller Theater inszenierte,  besuchte Schaubühne, Berliner Ensemble, Philharmonie. Ein Leben, bei dem mir die Zeit nicht ausreichte, dabei musste ich auch noch jobben. Ich arbeitete zweieinhalb Jahre als Deutschlehrerin für türkische Migrantenkinder, das waren damals die ersten Jahrgänge. Schon vor der Schule erwarteten mich die Kleinen ungeduldig und umarmten mich fest, und wenn ich mittags endlich frei war, für meine anderen Leben, wollten sie sich gar nicht von mir trennen.

Eines Abends in der Philharmonie  gab ich einem schick gekleideten Herrn auf seine Frage die Auskunft, dass ich Türkin bin. Er darauf, ebenso schlagfertig wie ungläubig:  “Und Sie leben wohl in Kreuzberg”,  und er lachte selber über seinen Witz: eine Türkin in der Philharmonie! “Nee, in Zehlendorf” erwiderte ich wahrheitsgemäß, worauf der Herr sich  vor Lachen bog und mich zu einem Glas  Wein einlud.  Ich belächelte seine Dummheit und schlug höflich die Einladung aus. So erlebte ich zum ersten Mal am eigenen Leib die typische Türkendiskriminierung, was dazu führte, dass ich mich bei jeder Gelegenheit für die türkischen Arbeiter, die Eltern meiner Schüler also, einsetzen zu müssen glaubte. Einmal  fuhr ich eine Verkäuferin im Kaufhaus   empört an, weil sie   einen türkischen Gastarbeiter, nur weil er  ein paar Klamotten  angefasst hatte, wie einen Dieb behandelte und ihm mit der Polizei drohte. Zur Belohnung blieb  der dankbare Mann dann wie  eine Klette an mir hängen, verfolgte und bedrängte  mich und  jagte mir schließlich so eine Angst ein,  dass nunmehr ich ihm mit der Polizei  drohte.  Ich merkte, meine Solidarität für die Arbeiter hatte wohl Grenzen. Nicht aber die für ihre Kinder und Frauen, deren Leben und Leiden mich dann mein ganzes weiteres Leben nicht mehr losgelassen haben. 

 

Die Schauspielkunst meiner Arbeiterenkelkinder im Ruhrgebiet

 

Nach vielen Jahren in Istanbul als Germanistin und Theaterwissenschaftlerin wurde ich als Professorin für Türkisch nach Essen berufen. Dort waren meine Studenten dann sozusagen die Kinder meiner ehemaligen Berliner Arbeiterkinder.  Selber vom Theaterfach, konnte ich die  raffinierte  Schauspielkunst meiner Enkel in zwei Versionen beobachten: Die eine Version: viele von ihnen spielten nach Bedarf die ausgebeuteten und diskriminierten Gastarbeiter, um mit den Arbeitgebern, den Professoren, um höhere Löhne, sprich: Noten zu feilschen. Deutsche Unikollegen, die vielleicht wenig schauspielkundig, dafür aber auf political correctness versessen waren (wer will schon als Türkenfeind  gelten)  verhätschelten diese  armen Migrantenkinderchen  und belohnten sie gar für ihr  Nichtstun. Sie fielen einfach auf die gekonnten Inszenierungen meiner Enkel herein. Und was sie an ihnen dann wohl doch verstörte, erklärten sie sich mit einer  Andersartigkeit, womöglich mit der ‚islamischen Kultur‘. Einmal wurde diese gönnerhafte Borniertheit sogar fast gefährlich: Als ein an Schizophrenie erkrankter türkischer Student dadurch auffällig wurde, unterblieb längere Zeit Hilfe, weil etliche Kollegen sein Verhalten auf wieder ‚die andere Kultur” zurückführen.  

 

Die andere Version: Dass die  Kreativität und Schauspielkunst meiner Enkel auch eine  unglaublich positive Ressource bilden kann,  wenn man sie nicht positiv diskriminiert sondern  gleichberechtigt behandelt gehörte zu den wichtigsten meinen Essener Erfahrungen. So entstanden  in Zusammenarbeit mit ihnen nicht nur  verschiedene Bücher,  mein Buch „Wege ins Freie, Junge Migrationsgeschichten“ Mut machende Geschichten von jungen Menschen, denen es trotz  sozial bedingten Hindernissen gelingt ihren eigenen Weg zu finden, oder „Lust am Schreiben“ wunderbare Geschichten aus meiner kreativen Schreibwerkstatt,  sondern auch verschiedene Theateraufführungen  vom biografischen Theater  bis zum politischen  Forum Theater die im Ruhrgebiet große Anerkennung fanden.

 

Ich erzähle keine Buckelgeschichten

Doch  nicht nur  einige meiner Migrantenenkelkinder, sondern viele aufgeweckte  Türken in Deutschland  lehrten mich, dass es  in unserer heutigen  “Kultur der Inszenierung” letztlich darauf ankommt, die richtige Rolle zu spielen, bzw. sich selbst wirkungsvoll in Szene zu setzen.  Die Frage bleibt, wer die Rollen verteilt,  bzw. nach welchen Regeln die Inszenierung erfolgt. Heutzutage  in  Deutschland ein Türke zu sein bedeute mit einem Buckel zu leben hatte mal eine  Bekannte gesagt.  Wenn man sich als Behinderter  inszeniert, erhält man entsprechende  Fürsorgeleistungen. Mir aber gefiel das überhaupt nicht. In meinen Büchern erzähle ich keine Buckelgeschichten, keine Ehrenmorde, kein Zwangsheiraten, biete auch sonst nichts sensationell Exotisches.  Und in kritischer Distanz zu einer schlechten deutschen Gewohnheit, alles Türkische auf Migranten zu reduzieren, habe ich in der letzten Zeit meine eigene schriftstellerische  Arbeit wieder mehr  zur Türkei hin verlagert. Ich freue mich aber an den reichhaltigen  Erfahrungen meines deutsch-türkischen Leben, die für mein Schreiben wertvoll bleiben. Prägend bleibt dafür auch der Doppelblick einer Randeuropäerin, der sich gegen jegliche Art von Schubladendenken wehrt. Diesen  Blick haben eigentlich  die meisten derjenigen  Intellektuellen in der Türkei, die sich an modernen, demokratischen, eben auch: westlichen Werten  orientieren, weil sie sich in einem erst halbwegs modernisierten und demokratisierten  Land wissen. So stellt sich leicht das Gefühl ein, im eigenen Land fremd zu sein.  So bildet auch für mich das Fremde im Eigenen, das Eigene im Fremden seit je den eigentlichen Impuls, ja die Triebkraft fürs Schreiben.

 

 


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Version vom 17.01.2012 um 12:46:45