Zehra İpşiroğlu ☆ DEUTSCHBücherWege ins Freie

Wege ins Freie

Über Wege ins Freie

In diesem Buch geht es um Lebensgeschichten von jungen Menschen in Deutschland mit türkischer Herkunft, denen es trotz der bekannten mit der Migration verbundenen Schwierigkeiten gelungen ist, ihren eigenen Weg in diesem Land zu finden. An ihren Biografien werden all die Probleme und Konflikte anschaulich sichtbar, die durch die Migration entstehen  wie z.B. Auseinandersetzung mit einengenden, patriarchalischen und autoritären Traditionen und mit Integrationshemmschwellen im Aufnahmeland, Zuspitzungen des Stadt-Land-Gegensatzes – z. B. anatolische Dörfler in westeuropäischen Großstädten -, des Generationenkonflikts und des Geschlechterverhältnisses, Erfahrungen von Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung, innere Unstabilität, Zerrissenheit, Schwanken zwischen Sehnsucht nach Heimat, nach Geborgenheit in der Herkunftsgruppe einerseits, nach Herausfinden aus der Enge, nach Welt andererseits, Suche nach einem individuell-sozialen Lebensraum als Suche nach sich selbst.

Das Basismaterial des Buches bilden Lebensgeschichten  von 6  jungen Frauen und zwei Männern, Geschichten, die vom Herausfinden aus einengendem Migrantenmilieu erzählen. Worin bestanden dabei die Haupthindernisse, wie konnten sie diese überwinden, mit welchen Konflikten mussten sie sich auseinandersetzen, welche Dramen spielten sich in ihrem Leben ab, wie weit ist ihnen diese Emanzipation gelungen, welche persönlichen Begegnungen haben ihnen dabei geholfen, wie stellen sie sich ihre Zukunft vor? usw. Entgegen der ebenso unangemessenen wie verbreiteten Tendenz, diese Menschengruppe nur als Opfer dazustellen und ihre Probleme schnell und verallgemeinernd sei es auf eine angeblich als ganze ‚rückständige’ ‚islamische’, ‚türkische’ Kultur, sei es auf die ‚ausländerfeindliche’, ‚rassistische’ deutsche Gesellschaft zurückzuführen, geht es hier gerade darum, solche falschen Verallgemeinerungen durch biografisches Erzählen zu unterlaufen und einige exemplarische Wege einer Selbstfindung zu zeigen. So individuell aber die einzelnen  Lebens- und Entwicklungsgeschichten auch ausgeprägt sind, so deutlich erkennbar sind an ihnen dennoch allgemeine Grundmuster – das gerade macht sie exemplarisch. Der Prozess der Selbstfindung kann sehr zögernd, mühselig, schmerzvoll ablaufen, da die Bindung an die Familie als Sozialraum der Vertrautheit und als eine Art Lebensversicherung einerseits, die Angst vor der oft als kalt empfundenen Atmosphäre in Deutschland, vor einer unsicheren beruflichen Zukunft und vor dem Alleinsein ohne einen Rückhalt der Geborgenheit andererseits sehr stark ausgeprägt ist.

 

Die Personen in diesem Buch sind zum Zeitpunkt ihres autobiografischen Erzählens zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre alt. Sie stehen alle noch mehr oder weniger am Anfang des Weges und haben noch viel Zukunft vor sich. Sie haben das Glück, dass sie, trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse, durch schulische und berufliche Ausbildung und durch persönliche Reifungsprozesse individuelle Potentiale entfaltet haben, mit denen sie ihr Leben nun weitgehend selbst gestalten können. So weit sind sie gekommen dank ihrer eigenen oft erstaunlichen inneren Kraft und Widerstandsfähigkeit und dank der Solidarität und Unterstützung von anderen Menschen wie z.B. Lehrer, Sozialarbeiter usw. Das genau ist der Grund, warum ich es wichtig fand, diesen schwierigen, aber erfolgreichen Prozess der Emanzipation junger Menschen mit Migrationsherkunft zu dokumentieren. Wir dürfen es nicht versäumen, über den vielen, allzu vielen mehr oder weniger hoffnungslosen Geschichten auch den eindeutig und erfreulich hoffnungsvollen Geschichten zuzuhören. Mehr als je zuvor haben wohl viele, die mitten in oder nahe an einem Umfeld leben, das von zunehmender Gewalt, Hoffnungslosigkeit und Null-Bock-Haltung geprägt ist, ein Bedürfnis nach solchen Geschichten. Und  das dürfte gerade  bei der jungen Generation am Größten sein.

Einiges zur Enstehungsgeschichte dieses Buches

„Es gibt Berge, die überwunden werden müssen. Ansonsten endet der Weg hier.“

„Man hat Arbeitskräfte gerufen, aber es kamen Menschen.“ So definierte Max Frisch das Phänomen der Immigration, das vor vierzig Jahren seinen Anfang nahm. Mit dem Stand von heute ist keiner zufrieden. Die  Ergebnisse der PISA – Studien aus den letzten Jahren        , die das niedrige Lehr- und Bildungsniveau des heutigen Deutschland beweist, hat man unter anderem auch auf die Probleme der Immigrantenkinder zurückgeführt. Heute zahlt man die Rechnung dafür, dass man jahrelang nicht in diese Leute investiert hat. Viele der Jugendlichen, die, ausgeschlossen aus der deutschen Gesellschaft, in Wohngebieten eingeschlossen waren, in denen nur türkische Arbeiter lebten, können heute weder richtig Türkisch noch Deutsch sprechen. Die Bildung von Gangs, faschistische Gruppierungen, ein radikaler Islamismus, der sich wie eine Epidemie ausbreitet, Gewalttaten, die bis hin zu Ehrenmorden reichen, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gehen Hand in Hand. In den letzten Jahren wurden die Wurzeln dieser Probleme eingehend untersucht.  Bücher von Intellektuellen aus der zweiten Generation  mit Migrationshintergrund wie Necla Kelek oder Seyran Ateş, deren Arbeiten auch meine volle Solidaritaet gilt,  stechen hier als die Wichtigsten heraus. Doch werden diese Probleme in Deutschland sehr einseitig diskutiert. Meist werden die Probleme nur auf kulturelle Unterschiede reduziert. Die ihnen zugrunde liegenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gründe werden gar nicht beachtet. Und in den öffentlichen Diskussionen werden nur Gänsehaut erregende Ereignisse dargestellt, die die Primitivität der Menschen vor Augen führt. Somit wird selbstverständlich lediglich die Fremdenfeindlichkeit geschürt, die schon immer in der deutschen Gesellschaft existierte.

Aber man darf auch nicht vergessen, dass es eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Immigranten gibt, die sich nach vierzig Jahren des Zusammenlebens an die moderne Gesellschaft angepasst haben und sich in wichtigen Positionen behaupten konnten. Von einzelnen Schriftstellern, Regisseuren, Künstlern, Wissenschaftlern oder Politikern hören wir ab und zu etwas in den Medien. Da gibt es aber auch noch viele andere, die nicht im Rampenlicht stehen. Wer weiß unter welchen Bedingungen und in was für einem Umfeld diese Immigranten groß geworden sind? Mit welchen Problemen hatten sie zu kämpfen? Welche Hindernisse mussten sie überwinden? Wer hat sie wie unterstützt? Das wurde bisher nicht genügend wahrgenommen. Dabei denke ich, dass es für diese Menschen nicht leicht gewesen sein kann, an den Punkt zu kommen, an dem sie heute stehen.

 

So entstand mein Buch über junge Menschen, die es geschafft haben, einen Großteil der Hindernisse eines Immigrantenlebens zu überwinden. Seit ungefähr zehn Jahren unterrichte ich am Fachbereich für Türkisch an der Universität Duisburg-Essen Studenten mit Migrationshintergrund in den Fächern Literatur, Theater und kreatives Schreiben. Aus einer großen Anzahl von Studenten, die ich in dieser Zeit beobachten, kennen lernen und an deren Leben ich ein wenig Teil haben konnte, beschränkte ich mich auf wenige deren Lebensgeschichten ich in diesem Buch als Dokumentarmaterial benutzt habe.

Manche von diesen jungen Menschen haben ein Leben zwischen Deutschland und der Türkei geführt, andere sind erst spät nach Deutschland gekommen, also kamen erst als Oberstufenschüler oder Student nach Deutschland und wieder andere sind in Deutschland geboren und aufgewachsen und kennen die Türkei noch nicht einmal. Was meine Auswahl erheblich mitbestimmt hat war, dass sie trotz ihrer schweren Lebensbedingungen eine Lösung gefunden hatten, ihre Probleme zu überwinden. Ich spürte, dass das für sie nicht leicht gewesen sein konnte. Denn sie sind die Kinder einer Generation, die durch verschiedene Arten von Leid, Enttäuschungen und Verletzungen geprägt wurde. Egal wie konservativ ihre Familien auch sind, sie hängen sehr an ihnen. Doch möchten sie auf der Suche nach ihrer Unabhängigkeit keine Kompromisse eingehen und ihr Leben selbst bestimmen können. Diesen Zwiespalt erleben sie in ihrer Kindheit und ihrer frühen Jugend immer wieder. Ein jeder von ihnen hat seine ihm eigene Stimme. Und dieser wollte ich Gehör schenken.

 

In ihrer Geschichte „Der Rosa Montag“, die eins der schlagkräftigen Ergebnisse der Workshops zum kreativen Schreiben darstellt, die ich jahrelang geleitet habe, beschreibt deren Autorin Deniz eine ungewöhnliche Persönlichkeitsspaltung zwischen dem „Ich“ und dem „Selbst“. Ihr Ich ist fest umzingelt von den Traditionen, aber ihr Selbst ist frei, geht seinen eigenen Weg und macht was sie will. Während sich ihr Ich traurig zuhause einschließt, ist ihr Selbst so verrückt, dass sie auf niemanden hört und so lebt, wie sie es will. Ihr Selbst hat einen italienischen Freund, geht immer mit ihm aus und schließlich heiratet ihr Selbst ihn heimlich, ohne darauf zu achten, was andere wohl sagen werden. Ihr Selbst ist unglaublich glücklich. Ihr Ich nimmt das ihrem Selbst sehr übel und ist wütend, aber bewundert ihr Selbst auch, und ist neidisch auf die Gleichgültigkeit und den Mut des Selbst. Ich denke, dass diese Geschichte die inneren Konflikte der jungen Immigranten aus der dritten Generation sehr treffend darstellt. Denn sie sind alle von dem Unglück und der Unsicherheit umzingelt, die sich aus den Konflikten zwischen dem was sie machen wollen, aber nicht machen können, den Konflikten zwischen ihren Träumen und ihrer Realität, dem Freiheitswunsch und ihren Zwängen und den Konflikten zwischen ihrer individuellen und kollektiven Identität ergeben. Das Hauptproblem vieler ist, dass ihre kollektive Identität, also die verschiedenen Rollen, die ihnen aufgezwungen werden, verhindert, dass sie ihren eigenen Weg finden können.

Der Konflikt zwischen patriarchalischen Familienstrukturen und der modernen Welt bilden die Basis dieses Buchs. Jede Gesellschaft hat diesen Konflikt im Laufe ihrer geschichtlichen Entwicklung erlebt. In Deutschland wurde man sich der Probleme, die durch die Modernisierung entstehen im neunzehnten Jahrhundert bewusst. Von Theodor Fontane bis Gerhart Hauptmann haben viele Autoren dies in ihren Werken thematisiert. Im ereignisreichen zwanzigsten Jahrhundert werden all diese Probleme und Konflikte in verschiedenen sozialen Schichten unterschiedlich ausgetragen. Doch als hätte es diese Entwicklung in der eigenen Geschichte nicht gegeben, werden  in Deutschland all die Probleme, die mit Migranten zu tun haben, nicht auf diese allgemeinen Probleme der gesellschaftlichen Modernisierung, sondern einspurig und unhistorisch allein auf kulturelle Unterschiede festgelegt.

 

Die jungen Menschen, die im diesem Buch vorkommen, stammen aus verschiedenen sozialen, regionalen, ethnischen, kulturellen, religiösen Gruppen der Türkei. Zwei von ihnen sind alewitischen, eine kurdischen, und eine tscherkessischen Ursprungs. Mein Ziel war es, die einzelnen Porträts dieser Personen in ihren sozialen Umfeldern zu zeichnen und somit auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen. Dabei versuchte ich, auch wenn der Schwerpunkt auf den individuellen Geschichten lag, meine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen mit einfließen zu lassen, um eine möglichst umfassende Betrachtungsweise zu ermöglichen. Dieses Buch bringt zwar eine intensive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen zur Sprache, aber es ist auch stark autobiografisch beeinflusst. Das liegt daran, dass mein Leben durch meine Arbeit seit vielen Jahren mit dem Leben der Immigranten verflochten ist. Als ich in den siebziger Jahren in Berlin studierte, gab ich in einer Schule Deutschunterricht für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und sechzehn Jahren. Das waren die Eltern meiner heutigen Studenten, also die zweite Migrantengeneration. Deren Probleme, die ich damals schon beobachtete und deren Gründe ich zu verstehen versuchte, sind heute zu unüberwindbaren Bergen angewachsen. Ende der siebziger Jahre  schrieb ich die Film Geschichte „Die Arbeiterkinder“ (İşçi Çocukları). Die Geschichte von Murat, der zwar ein brillanter Junge ist, aber aufgrund seiner Lebensumstände in die Sonderschule kommt, bekam in der Türkei einen Preis und traf in dieser Zeit sowohl in der Türkei als auch in Deutschland auf großes Interesse.(1) Aber leider hat es danach nicht weniger, sondern mehr Murats gegeben. In den achtziger Jahren habe ich meine Arbeiten über Immigranten mit  Studenten aus Rückkehrerfamilien an der Universität Istanbul weitergeführt. So haben meine jahrzehntelangen Erfahrungen mit den Migranten

dieses Buchs stark geprägt.

 

 

Anfangs, als sich dieses Projekt Schritt für Schritt entwickelte, hatte ich vor, so vorzugehen, wie ich es bei meinen zuvor erschienen biografischen Büchern gemacht hatte (2). Ich wollte mich im Hintergrund halten und einfach meine Interviewpartner reden lassen. Ich wollte ein Buch schreiben, das nur aus Interviews bestand.  Aber die Probleme dieser Immigrantengeneration sind so komplex und vielschichtig, dass ich immer mehr daran zweifelte, ob es genügen würde die Geschichten von einzelnen hervorzuheben und nur die Interviewpartner reden zu lassen, wenn ich die zur Sprache gebrachten Probleme in ihrem vollem Umfang darstellen wollte. So entschied ich mich autobiografisches, eigene Beobachtungen und Erfahrungen mitließen zu lassen. Reichhaltiges Material zu diesem Buch bot also außer Lebensgeschichten und autobiografischem Material auch

die Ergebnisse meiner jahrelangen Arbeit an der Universität mit kreativen  Techniken und Methoden wie z.B. kreatives Schreiben, darstellendes Spiel, Forum Theater usw.

Nach einem langen Prozess des Suchens wurde Wege ins Freie schließlich als ein Buch konzipiert, das seinen Schwerpunkt in der Dokumentation hat, aber fiktives auch mit einschliesst und sowohl  als Biografie auch Autobiografie zu verstehen ist.

Eine andere interessante Arbeit, die sich im Laufe des Entstehungsprozesses dieses Buchs aus dem Interviewmaterial entwickelt hat, war ein dokumentarisches und biografisches Theaterstück. Nach der Entstehung  des Grundkonzeptes  zu diesem Stück,  wurde es während der Improvisationsübungen in Theaterworkshops weiterentwickelt. So entstand unter der Leitung des Theaterpädagogen Bernhard Deutsch nach einer zweijährigen Vorbereitungszeit eine beeindruckende Inszenierung, die am Theater an der Ruhr uraufgeführt wurde. Es folgten weitere Aufführungen in den umliegenden Städten wie zum Beispiel Essen und Paderborn. Das wahrscheinlich effektivste an diesem Projekt war, dass alle Schauspieler des Projekts Immigranten gewesen sind. Jeder Darsteller konnte bei den Improvisationen aus seinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen schöpfen und damit seinen Teil zu dem Stück beitragen. Ein während der Vorbereitungen zu diesem Buch entstandenes weiteres Projekt war, ausgehend von diesen Lebensgeschichten, einen Dokumentarfilm zu drehen. Dieses Projekt ist zurzeit noch ein Konzept, das darauf wartet, umgesetzt zu werden.

 

Mich verbindet mit jedem, der an dem Projekt Wege ins Freie teilgenommen hat, eine persönliche Beziehung. In dieser Zeit, die wir miteinander verbracht haben waren mir manche sehr nah, andere wiederum fern. Manche kenne ich besser, andere weniger. Mit einigen habe ich eine haltbare Freundschaft geschlossen, andere habe ich schon längst aus den Augen verloren. Aber allen ist gemeinsam, dass da eine Kommunikation stattgefunden hat, die auf gegenseitigem Vertrauen basierte. Die Interviews, die ich geführt habe, habe ich auf Tonband aufgenommen und manchmal auch gefilmt. So hatte ich aus dem, was ich mit ihnen erlebt habe und dem, was sie mir erzählt hatten sehr viel Material sammeln können. Das Buch konzentriert sich auf acht Personen. Ich habe jedoch mit sehr viel mehr Interviews geführt. Aber manche Interviews fand ich nicht aufrichtig. In manchen Interviews gerieten wir ins Stocken und kamen nicht weiter. Andere Interviewpartner glaubten selber nicht an das, was sie mir erzählten. Einige erzählten mir nicht das, was sie selbst erlebt hatten, sondern was sie gerne erlebt hätten. Manche haben stundenlang erzählt, aber nichts gesagt und andere haben sehr viel geweint.

Eine meiner Interviewpartnerinnen zum Beispiel, war eine junge, sympathische junge Frau, die ein großes Kreativpotenzial hat, an allem interessiert und sehr erfolgreich ist. Sie  redete stundenlang mit mir und erzählte von ihren ersten Kindheitsjahren in einem armen Dorf und wie sie unter sehr schwierigen Umständen nach Deutschland gekommen sei. Ihre Familie sei sehr konservativ, sie hätte es noch nicht einmal erlaubt, dass die Tochter mit den Deutschen in ihrer Klasse sprach. Aber so viel sie auch redete, ihre Wörter drangen nicht in die Tiefe. Was sie  erzählte wurde einfach nicht lebendig. Ich spürte, dass sie viel durchgemacht hatte und viel erzählen wollte, aber sie fand einfach nicht die richtigen Worte dafür. So, wie wenn man in seinem Traum sprechen will, aber es kommt einem kein Ton über die Lippen. Ich habe das darauf zurückgeführt, dass sie den Prozess ihrer Vergangenheitsbewältigung noch nicht abgeschlossen hat. Wer weiß, vielleicht finde ich in Zukunft eine Gelegenheit, mit ihr unter ganz anderen Bedingungen noch einmal zu reden.

Da gab es eine andere junge Frau, deren Geschichte ich unbedingt in dieses Buch aufnehmen wollte. Als sie dann jedoch das Material sah, das ich aus den mit ihr geführten Interviews zusammengestellt hatte, fühlte sie sich so schlecht, dass ich mich fest dazu entschloss, dieses Material nicht zu verwenden. Sich seiner Vergangenheit zu stellen tut  manchmal weh und ist sehr schwierig. Und diese junge Frau hatte eben eine sehr schwere Kindheit erlebt. Als sie als Migrantenkind auf die Welt kam arbeiteten sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter. Deswegen kam sie zu einer deutschen Pflegefamilie. Sie wuchs so auf als wäre sie ein deutsches Kind. Türkisch hat sie unter großen Schwierigkeiten erst später bei ihrer Familie gelernt, die sie jedes Wochenende besuchen musste, obwohl sie das gar nicht wollte. Als ihre Mutter dann früh starb, musste sie mit ihrer sehr konservativen Familie in die Türkei ziehen und dort, gezwungen von ihrem älteren Bruder, sogar ein Kopftuch tragen. Es war für mich nicht leicht  gerade auf diese Geschichte, die einen so mitnimmt, zu verzichten. Aber ich will, dass die Personen, deren Leben ich erzähle (auch wenn hier meine Vorstellungskraft eine entscheidende Rolle mitspielt), sich in den Geschichten einerseits selbst wiederfinden und andererseits stolz darauf sein können. Schließlich werden hier Erfolgsgeschichten erzählt, die Bewunderung und Respekt  verdienen. Und der Schlüssel zu diesem Erfolg liegt in dem Wunsch und dem Mut sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Milan Kundera sagt: „Der Kampf des Menschen gegen die Macht, ist der Kampf des Gedächtnisses gegen das Vergessen.“ Die Vergangenheit, anstatt sie aufzuarbeiten und sich, wenn möglich, mit ihr zu versöhnen, zu vergessen oder zu verdrängen bedeutet, dass die lange Reise auf dem Weg ins Freie nur schwer zum Ziel kommen kann…

Durch die Versuche, die jungen Teilnehmer dieses Projekts näher kennen zu lernen und sie besser zu verstehen, hat sich auch meine Lebenseinstellung verändert. Die mir seit jahrzehnten so gut bekannte und gewohnte Welt der Migranten fing an sich zu ändern. So öffnete sich mir nach und nach eine neue Welt, die ich bisher nie so wahrgenommen hatte. Es ist unglaublich spannend, das Besondere und Einzigartige hinter etwas zu entdecken, das einem auf den ersten Blick all zu bekannt vorkommt.

 

Das vielleicht interessanteste an diesem Buch ist, die Vielfalt  der Geschichten, obwohl

die grundlegenden Probleme immer ähnlich sind. So unterscheiden sich die Geschichten nicht nur inhaltlich voneinander, sondern auch vom Erzählstil her. Manche Geschichten sind  sehr anschaulich,  manche eher abstrakt und reflektierend, andere wiederum  stark subjektiv und emotional gefärbt.  Wenn z.B. soziale Probleme den Schwerpunkt der Lebensgeschichte bilden,  entwickelte sich ein vielschichtiger und reichhaltiger Aufbau, der auch  viele andere Geschichten einschloss.  So entstanden Geschichten in den Geschichten. Ganz anders

verliefen aber die Geschichten, die  durch die Konzentration auf die inneren Konflikte versuchen, mit Bildern und Metaphern in die Tiefe zu dringen.

 

Ich denke, dass bei der Materialiensammlung zu diesem Buch einerseits meine Art der Kommunikation mit den Interviewpartnern ausschlaggebend war, andererseits die Qualität der Beziehungen zu ihrer Vergangenheit. Viele der Teilnehmer artikulierten ihre Erinnerung nicht in  anschaulichen Bildern, sondern auf einer eher abstrakt reflektierenden Ebene. Wahrscheinlich  ist auch das nichts anderes als eine Art von Vergangenheitsbewältigung. Der rationale Standpunkt, aus dem man die Probleme distanziert betrachten und bewerten kann, kann nämlich einen sicheren Hafen darstellen. Ob er genügt, ist eine andere Frage. Die letzte Geschichte in diesem Buch, die sich im Gegensatz zu den anderen auf einer abstrakten Ebene abspielt, ist ein beeindruckendes Beispiel dafür. Diese Geschichte bildet den Schluss, weil sie uns dazu bringt über die Gesamtheit der Probleme nachzudenken, die in diesem Buch thematisiert werden.

 

In den ersten vier Geschichten geht es um die Lebensgeschichten von Jugendlichen, die entweder aus der Türkei nach Deutschland immigriert sind oder ein Leben in einem Hin und Her zwischen der Türkei und Deutschland geführt haben. In den anderen Geschichten kommen junge Menschen zu Wort, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, und dementsprechend die Türkei gar nicht oder nur wenig kennen. Bei diesen sind die Gemeinsamkeiten vielleicht etwas stärker. An ihnen fällt besonders auf, dass sie, je nachdem wo und unter welchen Bedingungen sie aufgewachsen sind und wie ihre Persönlichkeit ist, bestimmte Verhaltensmuster verinnerlicht haben. Eine unsichtbare Mauer um sich herum aufbauen um sich zu schützen, oder sich extrem anpassen, ein Musterkind sein wollen, oder, ganz im Gegensatz dazu, sich widersetzen und gar rebellieren. Auch fällt auf, dass die Spontaneität beim Mitteilen von Erfahrungen bei den in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Türken nicht so ausgeprägt ist wie bei den Türken, die später nach Deutschland immigriert ist. Aber diese Beobachtung beruht natürlich nur auf  meiner persönlichen Erfahrung mit den Personen, die in diesem Buch vorkommen.

 

Diese jungen Menschen haben es geschafft, durchzukommen. Diejenigen, denen das nicht gelingt, die noch mit sich kämpfen und die vielleicht nie aus ihrem Ghetto werden ausbrechen können, erleben meist eine herbe Enttäuschung und schließen sich dann oft trotzig einer Gruppe oder Organisation an, die eine starke kollektive Identität anzubieten scheint, z. B. durch nationalistische oder religiöse Ausrichtung, was sie einerseits schützt, ihnen andererseits von Anfang an Wege ins Freie versperrt. Dass sie ihre Wünsche oder Bedürfnisse nicht verwirklichen können oder noch nicht einmal wissen, was sie für ihr persönliches Leben wollen, kann entweder zu resignierter Introvertiertheit, oder, umgekehrt zu einem aggressiven Verhalten führen. Die Gründe für ihre Probleme suchen sie dann nicht bei sich und ihrer Herkunft, sondern sie beschuldigen alle anderen; sich selbst können sie dagegen weder distanziert sehen, noch kritisch bewerten. Dabei sind sie mit sich selbst absolut nicht zufrieden. Leider bilden diese jungen Menschen eine nicht zu unterschätzende Anzahl.

 

In diesem Buch habe ich alle Namen der Hauptpersonen verändert. Die Männer waren im Vergleich zu den Frauen entspannter, selbstbewusster und sahen meist keine Probleme darin, dass ihre Namen genannt werden. Die Frauen waren in diesem Punkt in der Regel zurückhaltender, teilweise auch steifer. Dies bewerte ich als einen selbstverständlichen Ausdruck der Zwänge, die die  patriarchalischen Familienstrukturen vor allem auf Frauen ausüben. So habe ich mich entschieden, die wirklichen Namen nicht zu benutzen. Denn ich möchte einerseits die Integrität  der realen Personen und die Authentizität dessen, was sie erzählt haben, bewahren, andererseits der Tatsache gerecht werden, dass dieses Buch nicht, wie manche anderen mit ähnlichem Thema,  eine einfache Reportagenserie oder Dokumentation ist, sondern literarisch von einer spezifischen Zweistimmigkeit geprägt ist, die durch das Hinzutreten meiner persönlichen, subjektiven Sicht zustande kommt. Außerdem haben die Gespräche in einem bestimmten Zeitraum stattgefunden. Ich  musste also berücksichtigen, dass sich Gefühle und Gedanken der Teilnehmer inzwischen geändert haben könnten.  Die Gespräche haben wir meist auf Deutsch geführt. Das schuf eine gewisse Distanz. Denn sobald wir Türkisch miteinander redeten, machten sich Tabus, Verbote, Selbstzensur stärker bemerkbar. Die kollektive Identität, die ein großes Hindernis auf dem individuellen Weg in die Freiheit darstellt, tritt dann in den Vordergrund. Die meisten Teilnehmer haben gesagt, sie könnten sich bei diesem Thema auf Deutsch besser ausdrücken. Doch wenn sie Deutsch sprechen, besteht wiederum die Gefahr, dass sie sich verstellen, dass ihr Erzählen seine Spontaneität und Authentizität einbüßt. Das ist ein interessantes sprachliches Dilemma, das ich bei vielen Immigranten beobachten konnte. Ein junger Mann z. B., der sich, wenn er Türkisch spricht, durch seine Sprechweise, Stimme und Körpersprache wie ein anatolischer Bauer verhält (so meine Wahrnehmung, die von meiner Istanbuler Herkunft beeinflusst ist), kann mit Leichtigkeit in die Rolle eines selbstbewussten Intellektuellen schlüpfen, der sehr viel reflektiert und  seine Worte mit Bedacht wählt. Diese Verwandlung ist überraschend und muss einen zugleich nachdenklich machen. Zwar wollte ich mich während der Vorbereitungen nicht auf eine Sprache festlegen. Aber damit meine Gesprächspartner eine bestimmte Distanz zu ihrer Vergangenheit aufbauen und sich entspannt und frei fühlen konnten, war die Sprachwahl von Bedeutung. Vermutlich hat diese Methode auch für mich vieles erleichtert. Aber mit denjenigen, die selber aus der Türkei nach Deutschland immigriert sind, habe ich mich selbstverständlich in unserer Muttersprache unterhalten.

 

Ich habe das Buch Wege ins Freie genannt. Alle Geschichten haben die Suche nach der Freiheit gemeinsam. Sie unterscheiden sich dadurch, dass jeder seine Suche aufgrund seiner Persönlichkeit, seines Geschlechts und seiner Lebensbedingungen anders erlebt und andere Wege gewählt hat. Die Suche nach Freiheit führt nicht über einen einzigen Weg. Es gibt keinen Schlüssel, der alle Türen öffnet. Jeder muss seinen eigenen Schlüssel finden. Daher ist es so wichtig, dass man auf seine innere Stimme hört. Was will ich in meinem Leben erreichen? Inwiefern stimmen meine Ziele und meine Erwartungen überein, inwiefern tun sie es nicht? Welchen Weg muss ich gehen, um die Hindernisse zu überwinden? Diese und ähnliche Fragen muss man sich stellen und demgemäß sein eigenes Leben gestalten. Die in diesem Buch porträtierten Personen haben sich in ihrem Leben behaupten können. Dennoch hört man aus dem Hintergrund die Stimmen derjenigen, denen das nicht gelungen ist, die unter dem Gewicht und Druck ihrer kollektiven Identität ihren eigenen Weg nicht finden konnten. Auch sie muss man vernehmen, denn mir ging es darum, die Geschichten und Menschen, so wie ich sie erlebt habe, und die Verhältnisse, die ihren Rahmen bilden, ohne Beschönigung darzustellen. Nur wenn dieses Bedingungsgeflecht, in das die Menschen verstrickt sind, nüchtern erkannt wird, lassen sich die Spielräume entdecken, die sie haben und nutzen müssen.

Wege ins Freie ist trotz dieses kritischen Ansatzes, ein Buch der Hoffnung. Denn es liegt in unserer Hand, sowohl die Freiheitsspielräume zu nutzen und damit unser eigenes Leben selber zu gestalten, als auch in Solidarität denjenigen zu helfen, die uns brauchen. Aus diesem Grund ging es mir darum bei jeder Geschichte  auch  sehr aufmerksam solche Spuren der Offenheit, Freundlichkeit und Solidarität zu verfolgen. Unsere Kindheit stellt den Grundstein unseres Lebens dar. Was wir als Kinder erleben, prägt unsere Gegenwart und unsere Zukunft. So wie vergangenes Leid, Enttäuschung und Kränkung sich wie dunkle Wolken noch über unsere Gegenwart ausbreiten können, können der Vergangenheit angehörende liebevolle Worte oder Blicke, eine freundlich gereichte Hand, eine hilfreiche Handlung unsere ganze Persönlichkeit prägen und Wunder in unserem Leben bewirken. Auch dafür gibt es konkrete Beispiele in den Geschichten.

Jede dieser Geschichten ist zugleich eine Geschichte der Hoffnung. Daher denke ich, dass dieses Buch vor allem jungen Leserinnen und Lesern Anregung und Orientierung geben kann. Das gilt vor allem für die Leser, die im Selbstfindungsprozess mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben.

 

 

 

 

 

 

 

 


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