Zehra İpşiroğlu ☆ DEUTSCHBücherLeseproben

Leseprobe aus Die Sprechende Platane

Leseprobe aus Zehra Ipşiroglu: Konuşan çınar (Die sprechende Platane)

Übersetzt von Ebru Wittreck

Vorwort

Als Kind war mein Lieblingsspiel, mir Kinder als Erwachsene vorzustellen. Ich führte mir die pummelige Esma, die ihren Kaugummi aufblies, als Hausfrau mit einem Puddinggesicht vor Augen; den ernst dreinschauenden Osman mit Brille als Bürokrat bei einem Notar; den Nägel kauenden Selim als nervösen, schüchternen Familienvater; Esin, die sehr gut singen und tanzen konnte, als meisterhafte Kabarettistin oder die stets verträumte Zeynep, die so manches Mal Traum und Wirklichkeit nicht auseinander halten konnte, als Romanschriftstellerin.

Und heute ist mein Lieblingsspiel, mir die Erwachsenen als Kinder vorzustellen. Ein Bekannter, der  Bankdirektor ist, verwandelt sich plötzlich in einen kleinen Briefmarkensammler; ein verwandter Wissenschaftler in ein überempfindliches Kind oder ein befreundeter Theaterschauspieler in einen neugierigen neunmalklugen Knirps. Dieses Spiel, das ich als Kind vor allem in langweiligen Unterrichtsstunden spielte, spiele ich auch heute besonders dann, wenn mir langweilig ist. Einen Arbeitskollegen, der sich bis zum Himmel hoch lobt und mich damit wahnsinnig macht, vergleiche ich mit einem kleinen Besserwisser, der ständig den Finger streckt und unaufhörlich spricht, um beim Lehrer Eindruck zu schinden; einen Bekannten, der mit nichts zufrieden ist, an allem etwas auszusetzen hat und einem damit die Laune verdirbt mit einem ständig quengelnden Kind; einen Freund, der immer zu allem seinen Senf abgibt und alles besser zu wissen glaubt, mit einem altklugen Kind, das überall seine Nase rein steckt. Besonders diejenigen in wichtigen Positionen zu Kindern zu machen, ist ein recht lustiges Spiel. In dem Moment, in dem Sie sich einen berühmten Politiker als ein wirres Zeug brabbelndes oder Nase bohrendes Kind vorstellen oder einen beleibten Geschäftsmann als von Kopf bis Fuss unordentlich gekleidetes Kind vor Augen führen, können Sie, auch wenn es nur für kurze Zeit sein mag, in aller Ruhe einmal durchatmen…

Ist das nur ein Spiel oder ist da nicht auch etwas Wahres dran? Ist denn der berühmte Politiker, der grosse Reden hält, nicht gleichzeitig ein albernes Kind; der Bürokrat, der sich vor uns mit nicht zu überschreitenden Verboten aufrichtet, nicht ein kleines verwirrtes Kind, das sogar Angst vor seinem eigenen Schatten hat? Oder ist der Geschäftsmann, der Ihnen Respekt einflösst, etwa nicht ein kleiner Junge durch und durch? Ich könnte auch so fragen: Was ist denn die Kindheit? Ein abgeschlossener Lebensabschnitt oder besteht sie aus Bruchstücken von Erinnerungen, eingebettet in die Tiefen der Vergangenheit oder ist sie aber ein existentieller Umstand, der richtungsweisend für unser Leben ist? Was sagen oder verschweigen uns heute die Kindheitsjahre, die wir schon lange hinter uns gelassen haben?

Ich glaube, wenn ich eine Umfrage starten würde über die Bedeutung der Kindheit für unser Leben, könnten sehr viele von uns, wenn sie diese in die Tiefen der Vergangenheit eingebetteten Bruchstücke von Erinnerungen wie ein Puzzle zu vervollständigen versuchen, so manch positive oder negative, nostalgische oder objektive, berührende oder komische und emotionale oder kritische Dinge erzählen. Aber die Wenigsten von uns könnten zur Sprache bringen, was die Kindheit heute für uns bedeutet und auch sagen, wie die Kindheit unsere heutige Verhaltensweise, unsere Ängste, Schwächen, Komplexe, Neurosen, Beziehungen und unsere Sicht auf das Leben beeinflusst… Denn das Motiv des Verdrängens und Vergessens von Problemen spielt eine unvorstellbar wichtige Rolle in unserem Leben. Dabei wäre die Welt, in der wir leben, eine ganz andere, wenn sich die Menschen der positiven oder auch negativen Rolle, die die Kindheit in ihrem Leben spielt, tatsächlich bewusst wären.

Im August des Jahres 1997 sah ich während des Besuches der Documenta in Kassel ein Foto, das mich sehr beeindruckte. Ein schwarzweiß Foto: ein kleines Mädchen, die Augen mit einem Band verbunden, läuft bei helllichtem Tag alleine auf einem Weg, umgeben von Villen und Bäumen. Da die Augen verbunden sind, kann man das Gesicht nicht gut erkennen, ihre Bewegungen jedoch sind leicht, als würde sie spielen oder tanzen. Darunter stand auf Englisch: „Wenn die Kindheit eine Reise ist, dann sollten wir dafür sorgen, dass das Kind diese Reise nicht nachts in der Dunkelheit macht.“ Ich denke, dieses Foto und dieser Untertitel sind der Schlüssel zum vorliegenden Buch.

 

 

Zehra Ipşiroğlu

Olympos, September 1997

 

Ich werde Schriftstellerin

Ich habe mich entschieden. Ich werde Schriftstellerin… Ich werde alles, was ich sehe und denke, meine Träume, meine Hoffnungen und meine Wut aufschreiben. Dieses Tagebuch habe ich hierfür vorgesehen. Meine Absicht ist, weder meine Erinnerungen zu sammeln und abzulegen, noch mein Herz auszuschütten und mir selbst zuzuhören. Ich möchte wirklich Schriftstellerin werden und dafür muss ich jeden Tag trainieren. Wie eine Sportlerin. Ich werde meine Beobachtungen aufschreiben. Die Schreibtätigkeit möchte ich für ein paar Monate ununterbrochen durchführen und so den Einstieg finden. Ja, ich bin entschlossen!

Wer ich bin? Ich bin 14 Jahre alt, noch nicht ganz 14, aber ich bin vor kurzem in mein 14. Lebensjahr eingetreten und bewege mich mit der Geschwindigkeit eines Düsenjets im Fluss der Zeit. Ich selbst sogar wachse mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. (Beim letzten Messen war ich 1,60 m gross, jetzt bin ich genau um 2 cm gewachsen). Ich heiße Elif. Nach dem Spiel, das „Chinesisches Roulette“ genannt wird (das geht so: wie wäre ich denn, wenn ich ein Apfel wäre), hätte ich folgende Eigenschaften:

Frucht: Apfel, grün oder rötlich aber ohne faule Stellen; knackig, wie kleine saure Pflaumen

Getränk: Limonade, mit viel Zucker und Pfefferminz

Tier: eine Vogelart, es könnte eine Möwe sein, wenn sie nur nicht so eine schreckliche Stimme hätte

Dessert: Apfelkuchen mit reichlich Rosinen, Zimt und Walnüssen

Haus: ein Bungalow mit großen Fenstern und Sonne von morgens bis abends

Stein: ein bunter Kristall, der im Sonnenlicht verschiedene Farben reflektiert

Kleidung: ein eng geschnittenes buntes T-Shirt

Schuhe: in hellen Farben, sportlich und robust

Jahreszeit: Frühling

Meer: himmelblau und kristallklar, von Zeit zu Zeit Schaumkronen auf den Wellen

Stift: ein stabiler Kugelschreiber mit feiner Spitze; mal kratzt er, mal läuft er wie geschmiert

Buch: sowohl unterhaltsam, als auch anregend

Farbe: leuchtend orange

Das bin ich: Elif Azak. Was bin ich für eine Person? Nach dem Chinesischen Roulette: robust, ausdauernd, schlank, vielseitig, angenehm… Nein, glauben Sie ja nicht, dass ich Werbetexterin werde. Ich bin auch nicht selbstgefällig. Als ich mit meinen Freunden Chinesisches Roulette gespielt habe, habe ich lediglich das, was sie über mich sagten, notiert, natürlich nur die Eigenschaften, die mir gefielen. Diejenigen, die ich nicht mochte, habe ich vergessen, besser gesagt, ich habe sie mir nicht gemerkt. Ich kann doch nicht alles im Gedächtnis behalten. Der reichlich süss ausgeschmückte Teil des Chinesischen Roulettes ist Mıstık zuzuschreiben. Ich weiss jedoch nicht, ob dies seinem Appetit galt oder mir. Als er jedenfalls vom Apfelkuchen mit Zimt, Rosinen und Walnüssen sprach, schaute er mich an, als wollte er mich aufessen.

Burcu fing gleich zu kichern an, und flüsterte mir ins Ohr: „Wenn der Junge mal nicht heiss in dich verliebt ist, will ich mich in einen Araber verwandeln“. Was sollte ich da machen? Das ist sein Problem. Mıstık mit dem dicken Bauch und den Segelohren ist absolut nicht mein Typ. Und meine Freundin Burcu braucht sich schon mal gar nicht in einen „Araber zu verwandeln“, denn sie ist ein mageres Mädchen mit dunklem Teint und Afro-Locken.

Was ich schreibe, ist auch nicht geheim. Jeder, der möchte, kann einen Blick darauf werfen. Wenn ich eines Tages eine berühmte Schriftstellerin werde und alles veröffentlicht wird, hat Geheimnistuerei sowieso keinen Sinn!

 

„Wann haben Sie zu schreiben begonnen, Elif Hanım?“

„Solange ich denken kann, ist das Schreiben die Nahrung meines Geistes!“

„Die Nahrung des Geistes“. Was für ein Wort, nicht wahr? Es stammt aus dem Wortschatz von Izzet Hoca: „Lesen ist die Nahrung des Geistes!“, pflegte er zu sagen.

Beginnen wir von vorne: „Wann haben Sie zu schreiben begonnen, Elif Hanım?“

„Seit ich denken kann. Wie soll ich sagen, das Schreiben ist für mich so etwas wie Luft zum Atmen! Als Kind schrieb und malte ich Bilderbücher: „Was passierte mit dem Hasen, der sich an einer Essiggurke verschluckte?“ oder „Die Abenteuer des kleinen Elefanten“ oder „Keloğlan Glatzbub beim Friseur“ oder „Wie überlebte die auf der Autobahn überfahrene Katze?“. Meinen ersten Roman begann ich mit 11 Jahren, nachdem ich - um mit den Worten von Izzet Hoca zu sprechen - das Zeitalter der Märchen hinter mir gelassen hatte. Es war als Fortsetzungsroman gedacht, das mich beginnend mit dem Alter von zehn bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr begleiten sollte: „Elif bereitet sich auf das Gymnasium vor“, „Elif, das Musterkind“, „Elif möchte kein Musterkind sein“, „Elif rebelliert“, „Was kümmert Elif die Schule?“, „Elif ist verliebt“, „Elif’s wildes 17. Jahr“, „Elif stürzt sich ins Leben“, eine genau neunteilige Reihe, die gleichzeitig als Fernsehserie geplant war. Aber Angebot und Nachfrage waren nicht in Einklang zu bringen. Zunächst waren wir uns bei der Verteilung der Rollen nicht einig. Dann brach ein grosser Streit zwischen Burcu, Arzu, Ahmet und Mıstık aus. Zuerst beharrte Burcu darauf, die Rolle der Elif zu spielen, wobei ich ihren Typ für diese Rolle für nicht geeignet hielt. Ehrlich gesagt, ich dachte eher an Arzu. Doch stellte sich Ahmet, der in der Foto-AG unserer Schule ist, einfach dagegen! Arzu sei nun mal gar nicht fotogen. Arzu ist wirklich wunderschön mit ihren honigfarbenen Haaren und Augen und ihrem lieblichen Lächeln, aber auf den Fotos von Ahmet sieht sie, abgesehen von Haupt und Haar, mit den verdrehten Augen doch aus wie eine Alkoholleiche. Wegen dieser Fotos entbrannte zwischen Ahmet und Arzu ein heftiger Streit. Arzu bezichtigte Ahmet der Kooperation mit Burcu. Er hätte absichtlich die hässlichsten Fotos von ihr geschossen, um zu verhindern, dass sie die Hauptrolle spielte. Dieses Mal mischte sich auch Mıstık ein und warf Ahmet vor, ein Scharlatan zu sein und nichts von Fotografie zu verstehen. Darauf antwortete Ahmet: „Hat dich denn jemand gefragt, du Fass!“ Mıstık erwiderte: „Ja und, du Brauselimonade von Kerl, du ungeschicktes Schielmonster!“ Arzu legte Burcu nahe, dass bevor sie sich überhaupt für die Hauptrolle bewerbe, es angebracht wäre, erst mal einen Blick in den Spiegel zu werfen. Und Burcu kopierte die Fotos, die Ahmet gemacht hatte, schrieb „Achtung Terrorist gesucht“ darunter und verteilte diese an die ganze Klasse. Darauf hin flippte Arzu völlig aus, tobte im Klassenzimmer herum und begann die Kopien zu zerreisen. Ich hatte mich gerade entschieden von den beiden abzusehen und Özlem die Hauptrolle zu geben, doch sie sagte ab. Sie interessiere sich überhaupt nicht für Fernsehserien. Als es also wegen der Rollenverteilung Unstimmigkeiten gab, bin ich am ersten Buchband hängen geblieben und so kam Elif leider nicht dazu, die Vorbereitungen für die Aufnahme ins Gymnasium abzuschließen… Mein erstes Buch schrieb ich mit 14 Jahren. Dieses Mal war es keine Buchreihe oder so, sondern ein richtiges Buch, ein Tagebuch. Das Besondere an diesem Buch war, dass alles so erzählt wurde, wie es sich zugetragen hatte, dass nichts verändert geschweige denn beschönigt wurde. Es sind Abschnitte aus dem Leben der 14 jährigen Elif Azak.

Aus dem Augenwinkel schaute ich in den Spiegel. Ich sass am Schreibtisch, den Kopf auf die Hände gestützt, mit abwesendem Gesichtsausdruck. Wie eine richtige Schriftstellerin…

„Ihr erstes Buch war wirkliche ein unglaublicher Erfolg, Elif Hanım. Ein aussergewöhnliches Buch, dass die Stimme der Jugend zur Sprache bringt. Eine Sensibilität, die man von einem vierzehnjährigen Kind nicht erwarten würde…“

„Oh, unterschätzen Sie mal nicht das Alter von vierzehn! Der Mensch beginnt bereits in diesem Alter viele Dinge zu begreifen.“

„Zweifellos ist ihr Buch ein eindeutiger Beweis dafür. Ich gratuliere Ihnen von Herzen im Namen Ihrer Leser sowohl zu diesem Buch, als auch zu Ihren anderen Werken. Wenn Sie erlauben, möchte ich jetzt gerne eine Frage stellen. Woher kommt Ihr Interesse am Schreiben?“

„Aus meiner Familie. Mein Vater ist Journalist. Meine Mutter ist zwar Theaterschauspielerin, träumt jedoch seit eh und je davon, Schriftstellerin zu sein. Sie träumt immer noch davon, ein Schauspiel zu schreiben, worin sie die Hauptrolle spielt, doch hat sie es bis heute nicht verwirklicht. Stattdessen schrieb sie ein Buch über die Machenschaften hinter der Bühne. Auch mein acht Jahre jüngerer Bruder Yunus klammerte sich an einen Stift, sobald er lesen konnte. Sein Spezialgebiet waren Bilderbücher.“

Oh ja, diese vergangenen schönen Tage, die Kindheit und Erinnerungen über Erinnerungen… ich schmunzle melancholisch.

Der Moderator mit den wie eine Löwenmähne auf die Schultern fallenden, grauen Haaren ist ein gut aussehender Herr. Er schaut mir lächelnd in die Augen: „Was Sie doch für eine bezaubernde Familie haben!“

 

Meine Familie ist genau hundertundfünf Jahre alt. Mein Vater ist fünfundvierzig, meine Mutter vierzig, mein Bruder Yunus ist sechs und ich bin vierzehn Jahre alt. Macht zusammen hundertundfünf. Meine Mutter und mein Vater sind für mich wie Freunde. Es geht bei uns nicht autoritär zu, wie zum Beispiel: „Tu dies, mach das!“. Was meinen Bruder Yunus angeht, er ist ein recht lustiger Typ.

Zweifellos gibt es auch Dinge, die mich ärgern. Und wie es sie gibt! Da mein Vater einer anstrengenden Beschäftigung nachgeht und oft auf Geschäftsreisen ist, sehe ich ihn recht selten. Meine Mutter ist mit sich selbst beschäftigt, mit der Rolle, die sie gerade spielt und dem Stück, das sie schreiben möchte, so dass sie uns manchmal einfach vergisst, sehr spät zu Bett geht und morgens sehr spät aufsteht, manchmal sogar gar nicht zu Hause ist, aufgrund von Proben und Gastspielen… Dann mal los, Elif. Mach dich an die Arbeit und hau die Eier in die Pfanne! Das ewige Gemecker von Yunus: „Ich bin es leid, immer Omelette und Nudeln zu essen. Die Mütter anderer Kinder kochen so tolle Gerichte!“ (Ich weiss zwar nicht, was diese Mütter kochen, aber die älteren Schwestern dieser Kinder rühren zu Hause keinen Finger. Zum Beispiel schickt die Mutter von Özlem sie morgens nicht in die Schule, bevor sie ihr eigenhändig das Frühstück zubereitet hat.)

Dann stört mich da noch die Unordnung in unserem Haus, dass niemand zu keiner Zeit weiss, was sich wo befindet, solche und ähnliche Dinge eben!... Am meisten aber nervt mich mein allergischer Schnupfen. Wenn ich mich über etwas oder jemanden sehr aufrege, fange ich sofort an zu niesen. Ich kann machen, was ich will, aber ich komme einfach nicht dagegen an.

Im Allgemeinen herrscht bei uns zu Hause gute Stimmung. Wir spielen oft etwas zusammen, plaudern, nehmen uns gegenseitig auf den Arm und scherzen. Und wir lachen sehr viel. Ja, zu Hause niese ich eigentlich kaum, vielmehr lache ich da.

Mein Vater legt besonderen Wert darauf, seine Sorgen im Berufsleben nicht mit nach Hause zu nehmen. Zu Hause verliert er kein einziges Wort über seine Arbeit. Meine Mutter ist da ganz anders. Sobald sie sich über etwas ärgert, geht das Geschnatter auch schon los. Ja, also Regisseur A habe ihr Talent nicht erkennen können, Schauspieler R klaue auf der Bühne die Rollen, Kritiker D werde sie es schon noch zeigen und so weiter und so fort… Am meisten grinse ich über den Ausdruck „die Rolle stehlen“. Dies würde bedeuten, dass man sich auf der Bühne aufspielt und dem Gegenüber keine Chance gibt. So wie unsere Arzu!

„Ayten hat null Talent. So kann man keine Künstlerin werden, indem man über Leichen geht, nichts tut und Rollen stiehlt!“

„Soll sie doch gehen und in diesen dummen Fernsehserien spielen. Theaterschauspielerin zu sein ist was anderes!“

„…habt ihr diesen Artikel gelesen? Diese Einfältigen, die keinen geraden Satz zustande bringen, bilden sich ein, Theaterkritiker zu sein!“

Wenn meine Mutter einmal loslegt, ist sie wie ein Maschinengewehr… Ihre Wut ist jedoch vorübergehend. Wenn der Ärger nach einer Weile verflogen ist, fängt sie wieder an, zu lachen. Und wenn sie lacht, ist sie wie ein kleines Kind, voller Unsinn im Kopf.

Als ich ihr von meiner Schriftstellerei erzählte, unterstützte mich meine Mutter sofort:

„Ich finde, du hast deine Zukunft sehr schön geplant. Schriftstellerin zu werden ist wahrlich ein wunderbarer Gedanke. Wenn du möchtest, kannst Du sofort mit der Arbeit beginnen“. (Mein liebstes Mütterchen, wusste ich doch, dass sie mich gleich verstehen würde.) Schau, ich habe eine glänzende Idee. Was hältst Du davon, ein Schauspiel zu schreiben, so ein richtig schönes? Die Hauptdarstellerin sollte aber eine junge, charmante Frau sein…“.

„Mama, ich schreibe keine Rolle für Dich! Ich habe genug! Als ob es nicht reichen würde, dass ich ständig Eier brate und Nudeln koche! Soll ich etwa noch ein Drehbuch schreiben?“ Das ist nichts als ein kleiner Streit, der sich wieder legt. Wir versöhnen uns schnell wieder.

Was mich an meinem Vater ärgert ist, dass er meine Schriftstellerei nicht ernst nimmt. „Du kommst nach Deiner Mutter und wirst Theaterschauspielerin,“ sagt er zu mir. Ich aber werde auf keinen Fall Schauspielerin oder ähnliches, ich werde Schriftstellerin. Ich bin entschlossen…

Meine Mutter findet die Auseinandersetzung über Schriftstellerei und Schauspielerei unbedeutend. Beides würde sich doch gleichen. Bei beiden Beschäftigungen müsse die Person aus sich heraus gehen, andere Menschen beobachten, verstehen und sich in ihre Gefühle und Lebensweise versetzen… Da ich immer ich selbst bin, weiß ich nicht, inwieweit ich mich in die Gefühle und Lebensweise anderer versetzen kann…

Wenn ich erwähne, dass ich Schriftstellerin werde, lachen die Leute hinter vorgehaltener Hand. Niemand nimmt mich besonders ernst. Izzet Hoca zum Beispiel ist dem Schein nach Türkischlehrer. Als ich sagte, ich werde Schriftstellerin, erwiderte er doch tatsächlich: „Schreiben ist brotlose Kunst!“ Als ob der Beruf des Türkischlehrers mehr einbringen würde!

Als ich dann erwiderte „Aber mein Lehrer, für mich ist Geld unwichtig, mir geht es um die Liebe, die Liebe zum Beruf“ (Mıstık schaute mich vielsagend an, ich glaube, er überhörte das Wort „Beruf“), lächelte Izzet Hoca, wobei er seine vom Rauchen vergilbten, total schiefen Zähne zeigte: “Die Liebe macht nicht satt, mein Kind!“ und dann fügte er hinzu: „Du bist ja sowieso ein hübsches Mädchen und findest sicher einen wohlhabenden Mann, der für dich sorgt. Dann kannst Du so leben, wie Du möchtest. Und wenn Du willst, wirst Du Schriftstellerin oder … „

„Du legst die Beine hoch und sitzt zu Hause auf der faulen Haut“ ergänzte Ahmet Izzet Hoca’s Worte. „Oh, auf anderer Leute Kosten essen und trinken. Wäre ich doch auch nur ein Mädchen!“

„Wer würde Dich denn mit so einem Gesicht nehmen, wenn Du ein Mädchen wärst, du Gartenzwerg!“ flüsterte Cem. Man konnte wirklich nicht sagen, dass Ahmet eine Schönheit war mit seiner Grösse als laufender Meter (sein Kopf reichte mir gerade mal bis zur Schulter) und seinen schielenden Augen hinter der Brille mit dickem Rand.

Die Kinder fingen an zu kichern…

Was mich angeht, sollen sie doch sagen, was sie wollen. Ich werde niemals heiraten. Ich werde frei leben, nach meinem Kopf, so wie ich Lust habe, ohne jemandem Rechenschaft abzulegen, ich bin doch an nichts gebunden. Ich werde so leben, wie ich es möchte, frei und unabhängig. Ich möchte aufrecht auf den eigenen Beinen stehen. Ich allein, ohne fremde Hilfe. Aber es hat ja keinen Sinn, den Erwachsenen alles erklären zu wollen, vor allem nicht Izzet Hoca. Er mag zwar gutmütig sein, aber er ist altmodisch. Nicht die geringste Chance, dass er mich versteht… Abgesehen davon kann ich auch nicht behaupten, dass alle meine Freunde immer alles gleich verstehen. Als ich erwähnte, dass ich niemals heiraten würde, sagte Mıstık doch: „Wie? Bleibst Du etwa zu Hause?“

„Ich doch nicht, wenn der Tag gekommen ist, öffne ich die Haustür und trete hinaus. Ganz alleine, ohne fremde Hilfe mache ich mich auf den Weg“, erwiderte ich ihm direkt.

„Du willst Dich auf den Weg machen? Du führst wohl Böses im Schilde!“

Gelächter. Am meisten lachten die Jungs unter meinen Freunden: der pummelige Mıstık, der schielende Ahmet, Aydın und Cem. Und Devrim schaute mich mit einem Gesicht an, als wollte er sagen: „Los erzähl schon, es wird spannend!“ Ich glaube, sie können nicht begreifen, dass ich ohne sie einen Schritt aus dem Haus machen könnte. Sollen sie doch lachen, so lange sie können. Ich werde sowieso die Letzte sein, die lacht. Ich werde selbst meinen eigenen Weg finden. Und am Ende werde ich eine sehr gute Schriftstellerin sein.

Die schnaufende und tutende Tschu-Tschu-Lokomotive mit dem Schwabbelgesicht, die uns in Literatur unterrichtet (ich spreche von Nevin Hoca), sagte mir, da ich kein Yahya Kemal sein könnte, sollte ich es mir aus dem Kopf schlagen, Schriftstellerin zu werden.

„Meine Lehrerin, ich möchte kein Yahya Kemal werden, auch nicht Namık Kemal, Yaşar Kemal oder Orhan Kemal. Ich möchte Elif sein, Elif Azak. Sie werden sehen, der Name Elif wird sich eines Tages in die Köpfe der Menschen einprägen“, entgegnete ich ihr. Doch sie machte nur eine abweisende Handbewegung:

„Dein Mund weiss ja gottlob Worte von sich zu geben, aber durch Worte allein wird man noch lange kein Schriftsteller!“

 

Der grauhaarige, gut aussehende Moderator drückt mir mit einem herzlichen Lächeln die Hand: „Willkommen in der Sendung der Prominenten, Elif Hanım. In dieser Sendung möchten wir Sie und ihre unvergesslichen Werke vorstellen.“

Ich bedanke mich schmunzelnd.

„Zunächst haben wir eine nette Überraschung für Sie. Zu unserer Sendung haben wir ein paar Gäste eingeladen. Es sind zwei durchaus ehrenwerte Personen, die einen Platz in Ihrem Leben einnehmen und unvergessliche Spuren in Ihren Erinnerungen hinterlassen haben. Mal sehen, ob Sie sich an sie erinnern können?

Kommen doch tatsächlich die Tschu-Tschu-Lokomotive, gefolgt von Izzet Hoca schnaufend und rollend in das Aufnahmestudio! Ich traue meinen Augen nicht. Wie alt die Lokomotive geworden ist, einem Fass ähnlich ist sie geworden, als ob man ihr einen zweiten Hintern angekoppelt hätte! Und erst Izzet Hoca, er sieht aus wie eine ausgequetschte Zitrone! So ist es nun mal. Die vorbeiziehenden Jahre machen einen nicht jünger.

„Erinnern Sie sich an unsere Gäste?“

„Meine Lehrer!“

Mit feuchten Augen schiesse ich von meinem Platz hoch und umarme sie beide.

„Wie gut, dass Ihr gekommen seid, es freut mich so sehr!“

„Hier, küsse mir die Hand“ die Lokomotive drückt mir ihre Hand so auf die Lippen, als ob mein Gesicht, das in die weiche Fleischmasse gedrückt wird auf eine Qualle gestossen wäre…

„Meine Lehrerin, ich fühle mich in meine Kindheit zurück versetzt. Wenn Sie wüssten, wie glücklich ich bin!“

Der Moderator lächelt gerührt: „ Es ist in der Tat ein aufregender Moment. Unsere berühmte Schriftstellerin Elif Azak trifft Jahre später ihre geliebte Nevin Hoca wieder.“

Dann wendet er sich Nevin Hoca zu:

„Was fühlen Sie in diesem glücklichen Augenblick?“

Nevin Hoca greift zu ihrem Taschentuch und trocknet sich die Augen:

„Ich bin sehr aufgeregt.“

„Ich finde keine Worte, meine Gefühle auszudrücken!“

„Und Sie, Herr Lehrer?“ Der Moderator dreht sich zu Izzet Hoca. Izzet Hoca sagt mit zittriger Stimme: „Dass wir diese Tage noch erleben dürfen!“ und seufzt tief.

„Was für eine Schülerin war Elif Azak? Können Sie uns etwas von ihr erzählen?“

Die Lokomotive wiegt wehmütig den Kopf hin und her:

„Sie war meine Lieblingschülerin. Stets sehr erfolgreich im Unterricht. (Na sowas, spricht sie von mir oder von jemand anderem? Es sind ja so viele Jahre vergangen, sicher verwechselt sie mich.) Sie hatte einen kreativen Geist und ich war die erste, die das Talent darin erkannte.“

Izzet Hoca fällt mit seiner zittrigen Stimme ins Wort:“ Wenn Sie erlauben, dass ich es darstelle. Ich, meine Wenigkeit, habe Elif’s grosses Talent, die Unverdorbenheit und Reinheit vom ersten Moment an begriffen. Ich sagte ihr: Elif, mein Kind, Du wirst eines Tages entweder eine berühmte Schriftstellerin oder Dichterin.“

In diesem Augenblick unterbricht die Lokomotive mit schrillster Pfeifenstimme mittendrin die Worte Izzet Hocas: „Was ist, Elif? Was grinst Du da die ganze Zeit? Weißt Du, wie man diejenigen, die über sich selbst lachen oder mit sich selbst sprechen, nennt?“

 

„Psssst, pssssst,“ machte Aydın und führte dabei den Finger an den Mund. „Die Erleuchtung ist da, stört unser Genie nicht!“ Gelächter in der Klasse…

Meine Freundin Burcu sagt ständig: „Du bist von der ausgestorbenen Sorte. Bald wird es auf der Welt so etwas wie Bücher nicht mehr geben und Du sprichst davon, Schriftstellerin zu werden. Glaubst Du tatsächlich daran oder möchtest Du nur interessant erscheinen?“

Özlem sprach auf mich ein, dass ich endgültig von dieser Sache Abstand nehmen sollte, da das Ende eines jeden guten Schriftstellers die Haftanstalt sei. Özlem’s Vater ist, wie mein Vater auch, Journalist. Er sass ein- oder zweimal ein und einmal wurde ihr Haus durchsucht. Ein paar Bücher wurden für bedenklich befunden und beschlagnahmt. Daher hatte Özlem vor allen Dingen Angst.

Cem fand es schlauer, CD ROM Programme anstatt Bücher zu schreiben. Cem ist mit den schwarzen Schillerlocken, die ihm in die Stirn fallen und seinen tiefgründigen grünen Augen ganz schön attraktiv, knackig wie eine Pistazie, so einer von den Herzensbrecher-Typen. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass mir Cem nicht gefiele, aber ich würde sicher nicht wegen ihm auf das Schreiben verzichten und zu einem Computerexperten mutieren.

Was den dickbäuchigen Mıstık angeht, so ist er der Meinung, dass ich sehr schnell zu Ruhm käme, wenn ich ein Kochbuch schreiben würde.

Devrim schaut mich mit seinem bekannten „Los-erzähl-schon-es-wird-spannend“-Gesicht an, wenn es darum geht, dass ich Schriftstellerin werden möchte. Ich glaube, er kann es absolut nicht begreifen, dass ich Schriftstellerin werde.

Der Einzige, der meine Schriftstellerei ernst nimmt, ist mein Bruder Yunus. Jedes Mal, wenn ich darüber erzähle, hört er mir mit offenem Mund voller Bewunderung zu und sagt nicht so ungereimtes Zeugs wie die anderen. Aus diesem Grund findet Ihr im zweiten Teil eine Geschichte, die ich Yunus gewidmet habe.

 

 

Glücksbriefchen

(Für Yunus)

Ali wollte so gerne einmal allein zur Schule gehen, aber seine Tante erlaubte es ihm einfach nicht. „Bis Deine Eltern von ihrer Reise zurückkehren, bist Du mir anvertraut“, sagte sie.

Dabei kannte Ali den Weg zur Schule. Er wusste, dass er beim Überqueren der Strasse auf die Ampeln achten und sonst den Gehweg nicht verlassen sollte.

Als er eines morgens früh wieder mit seiner Tante zusammen zur Schule ging, sah Ali von weitem seine Freundin Mine.

„Minee!! Mineeee!“

Ali befreite sich aus der Hand der Tante und rannte los.

„Aliii, Aliii, renn doch nicht so. Du fällst noch hin! Aliii, ich spreche mit dir, renn doch nicht so, du wirst hinfallen!“

Ali rannte, ohne nach links und rechts zu schauen, als er plötzlich ein lautes Geschrei hinter sich hörte. Oje, seine Tante war in eine Straßengrube gefallen. Er rannte zurück und versuchte, ihr auf die Beine zu helfen. Doch da die Tante so dick war, war dies gar nicht so einfach. Ali musste in die Grube hinunter steigen und seine Tante mit aller Kraft am Hintern hoch schieben. Schliesslich gelang es ihm mit Hilfe eines zufällig vorbei laufenden Sesamkringelverkäufers, die Tante durch Ziehen und Schieben heraus zu holen. Ali war völlig ausser Atem. Er lächelte jedoch mit einer Zufriedenheit, eine grosse Aufgabe erledigt zu haben.

„Was bist du doch für ein ungezogener Bengel! Habe ich dir nicht gesagt, du sollst nicht rennen, du fällst noch hin. Was mir alles wegen dir zustösst!“, fing die Tante auch schon zu schimpfen an, sobald sie mit Ach und Krach wieder heraus war. „Schau dich an, du bist total verschwitzt. Du erkältest dich und wirst noch krank!“ Meckernd versuchte sie, ihre Kleider zu ordnen, als sie einen Hustenanfall bekam. „Was ist denn los mit mir, es ist ja wie verhext, öhö, öhö!.. Hör mir jetzt gut zu! Du wirst keinen Schritt mehr von meiner Seite weichen, verstanden? Ich will nicht, dass du krank wirst und hustest, öhö, ich kann nicht mehr!“ Seine Tante konnte vor lauter Husten nicht mehr sprechen.

Ali befreite sich aus ihrer Hand und rannte von Neuem los. Ob Mine wohl schon weg war?

„Renne nicht, sage ich! Verstehst du nicht? Ich rufe jetzt die Polizei, damit sie dich wegbringt. Ich werde dich eigenhändig bei der Polizei abliefern. Aliiii, komme was will, ich übergebe dich der Polizei! Aliiii!“

Genau in diesem Augenblick bremste ein mit hoher Geschwindigkeit herannahender Polizeiwagen vor der Tante scharf ab. Zwei Polizisten stiegen aus und fingen an, mit ihr zu sprechen. Die Tante zeigte auf Ali. Die Polizisten aber schauten nicht einmal in seine Richtung. Sie packten die Tante ins Auto und fuhren schnell davon.

Ali schaute mit weit geöffnetem Mund dem Wagen hinterher. „Was ist denn jetzt los? Warum haben sie meine Tante mitgenommen?“

In der Ecke sass ein Glücksbriefchen-Verkäufer mit einem Hasen und lächelte zu Ali herüber: „Die Polizisten werden Deine Tante zu einer Geldstrafe verdonnern, wegen Ruhestörung, weil sie so ein Gezeter veranstaltet hat. Mach dir keine Sorgen, es ist sowieso nichts Ernstes. Sie wird bald wieder nach Hause gehen können.“

Ali schüttete dem Glücksbriefchen-Verkäufer sein Herz aus: „Ihr Geschrei war unnötig! Ich kann allein zur Schule gehen und es passiert nichts, wenn ich renne. Sie behandelt mich wie ein Baby. Meine Freundin Mine hat es auch gesehen, dass sie mich wie ein Baby behandelt.“

Der Glücksbriefchen-Verkäufer schmunzelte: „Mach dir nichts draus. Möchtest du dein Glück probieren?“

„Aber ich habe kein Geld!“

„Macht nichts. Komm, ziehe ein Glücksbriefchen. Mal sehen, was Du bekommst!“

Der Hase zog für Ali die Nummer acht. Für die Nummer acht gab es einen Kaugummi und ein Kärtchen. Ali steckte den Kaugummi in den Mund und las die Karte. Darauf stand: „Heute ist Ihr Glückstag. Genießen Sie Ihre Freiheit in vollen Zügen!“ Das Datum war: Donnerstag, 15. Mai.

Ali fuhr mit der Hand in die Hosentasche und fand darin eine Handvoll Haselnüsse. Er gab sie dem Hasen. Ali war voller Freude… Einen Augenblick lang dachte er daran, beliebig umher zu schlendern und nicht in die Schule zu gehen, kam jedoch davon ab. Sein Vater pflegte zu sagen, dass es nicht gut sei, das Glück herauszufordern.

Als er fröhlich in der Schule ankam, hatte es schon lange geklingelt. Er musste wohl lange auf dem Weg getrödelt haben.

„Hey, wo gehst du hin, Kleiner?“ Es war der dunkelhäutige Hausmeister, der sich ihm vor dem Schultor in den Weg stellte. „Denkst du, du kannst zur Schule kommen, wann es dir in den Sinn kommt?“

Ali war niedergeschmettert, sagte aber nichts. Er fühlte sich schuldig.

„Ich habe dich etwas gefragt. So antworte doch, Mensch! Ist das hier etwa eine Karavanserail?“ Je mehr Ali ängstlich schwieg, desto wütender wurde der Hausmeister. „Ein Schüler hat pünktlich zu sein. Hat man dir das nicht beigebracht? Was bist du nur für ein Schüler?“

Der Hausmeister öffnete schimpfend das Schultor mit dem Vorhängeschloss. „Hör zu, verspäte dich nicht noch ein Mal!“, drohte er und zeigte auf den Wachhund neben sich. „Ich kenne da nichts und mache Hundefutter aus dir, verstanden? Antworte mir doch, Mensch, hast du verstanden?“

Ali schaute voller Angst auf den Hund. Er war fast so gross wie Ali und knurrte furchterregend. Ali erschrak und machte zwei Schritte rückwärts. Der Hund fing an, zu bellen. „Los, mein Guter, zeig diesem hier mal, was es bedeutet, zu spät zur Schule zu kommen, zeig es ihm!“ sagte der Hausmeister und lachte dabei.

Ali stand wie angewurzelt da. Vor lauter Angst war er wie zu Stein erstarrt. Dann geschah plötzlich etwas Unerwartetes. Der Hund knurrte, sprang auf den Hausmeister und schnappte nach einem seiner Schuhe!

„Hau ab, Tier!“

Der Hausmeister versuchte, den Hund mit Tritten wegzujagen. Der Hund riss ihm mit den Zähnen das Hosenbein auf, dann rannte er mit dem Schuh weg. Während der Hausmeister mit einem Schuh und zerrissener Hose schimpfend und fluchend dem Hund hinterher jagte, machte sich Ali schleunigst davon.

Als er seine Klasse erreichte, klopfte sein Herz fest. Leise öffnete er die Tür einen Spalt breit und glitt hinein.

„Mein Lehrer, schauen Sie mal, Ali ist gekommen!“

Der Lehrer führte gerade die Sauberkeitskontrolle durch. In der Hand hielt er ein Lineal. Er hörte Fatma nicht einmal.

Aber Ali wusste, dass es dem Lehrer nicht entgehen würde, dass er zu spät kam. Von seinem Platz aus betrachtete er sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Seine Haare waren völlig zerzaust. Er fuhr mit den Händen durch die Haare und ordnete sein Äusseres… Dabei fiel sein Blick auf die Fingernägel. Sie waren ganz schön schwarz. Er spitzte seinen Bleistift und begann vorsichtig, die Nägel zu säubern. Aber der Stift zeichnete seine Nägel und nun waren sie pechschwarz.

Als ob dies nicht genug wäre, legte Fatma wieder los: „Mein Lehrer, schauen Sie, Ali macht Maniküre!“

In diesem Augenblick traf sein Blick die zwei Reihen weiter weg sitzende Mine. Mine drehte sich um, streckte Fatma die Zunge heraus und machte eine lange Nase. Ali lachte.

Fatma begann, zu krakeelen: „Wenn ich das nicht dem Lehrer sage. Mein Lehrer, schauen Sie doch, was Mine macht!“

„Seid still!“

Der Lehrer war zwei Reihen weit entfernt. Jetzt kontrollierte er Mine’s Haare, Ohren und Fingernägel. Mine strahlte vor Sauberkeit, wie mit Omomatik in der Waschmaschine gewaschen. Ihre Haare waren zu zwei festen Zöpfen geflochten mit grossen weissen Schleifen an den Enden. Auch der Kragen ihrer Schuluniform war weiss wie Schnee. Aber ein Lehrer ist nun mal ein Lehrer. Man kann nie wissen, wenn er jemandem was anhängen will, findet er auch was. Ali’s Herz begann wie wild zu klopfen. Komme was wolle, aber er soll ja nicht mit Mine schimpfen. Er hatte sogar darüber seine schwarzen Nägel vergessen.

Der Lehrer hatte nicht einmal die Absicht, mit Mine zu schimpfen. Im Gegenteil, er strich über ihre sauber glänzenden Haare und sprach: „Sehr gut, Mine.“ Dann drehte er sich zur Klasse um: „Ihr könnt Euch Eure Kameradin Mine als Beispiel nehmen. Sie ist immer sauber und ordentlich. Öffne den Mund, damit ich deine Zähne sehen kann. Sehr schön, auch deine Zähne sind sehr gut geputzt, wie Perlen.“

Ali atmete erleichtert auf und lachte zufrieden. Gleichzeitig aber hörte er in unmittelbarer Nähe die Stimme des Lehrers: „Gibt es etwas zu lachen? Worüber lachst Du?“

Ali drehte sich um und schaute nach hinten. In der hinteren Reihe sassen Mahmut und Ahmet kerzengerade da, den Blick auf das Buch vor sich gerichtet.

„Hey, ich spreche mit Dir. Wo schaust Du hin?“

Der Lehrer stellte sich direkt vor Ali hin.

„Wenn es etwas Lustiges gibt, dann sag es, damit wir auch lachen können!“

Ali war verwirrt. Er stotterte ängstlich: „Also, es ist nichts!“

„Was bedeutet, es ist nichts? Kannst Du Dich nicht richtig ausdrücken?“

Jetzt schauten alle zu Ali herüber. Auch Mine. Ali lief puterrot an. Sein Herz schlug fest und er hatte ein Sausen in den Ohren.

„Was ist das für ein Zustand?“ Der Lehrer schlug ihm leicht mit dem Lineal auf den Kopf. „Antworte, was ist mit Dir? Du kommst zu spät zur Schule, völlig zerzaust und dann lachst Du auch noch so unverschämt!“

Mit knallrotem Gesicht senkte Ali den Blick. Auf seiner Stirn hatten sich große Schweißperlen gebildet.

„Zeig Deinen Hals.“

Der Lehrer untersuchte lange Ali’s Hals. Ali hatte am Morgen Gesicht, Hals und Ohren mit reichlich Seifenwasser gewaschen. Ja, und seine Fingernägel? Einen Moment lang dachte er daran, dass ein Wunder geschehen könnte und der Lehrer seine Nägel nicht anschauen würde. Aber solch ein Wunder geschah nicht.

„Streck Deine Finger!“

Während Ali die unter der Bank versteckten Hände streckte, sah er, wie Fatma sich voller Schadenfreude über die Brust strich. Osman, der in der Reihe vor Fatma sass, machte ihm eine lange Nase. Die anderen Kinder lachten.

Der Lehrer hielt Ali’s Hand hoch und zeigte sie der Klasse. „Diese Hände könnt ihr Euch als Beispiel nehmen! Seht wie schön, mit viel Dreck und Schmutz gewaschene pechschwarze Hände!“ Das Gelächter wurde lauter.

„Mein Lehrer, Ali ist es nicht gewohnt, sich zu waschen!“ kreischte Fatma. „Er wäscht nie seine Hände und seine Füsse auch nicht.“ Und sie hielt sich mit der Hand die Nase zu: “Pfui, wie er stinkt!“ Es folgte tosendes Gelächter… So war es immer: wenn einem etwas Schlechtes widerfuhr, freute es die anderen Kinder.

Der Lehrer hob sein Lineal: “Streck Deine Finger!“ Ali wähnte sich in einem Albtraum. Er streckte die Finger. Er wusste nur zu gut, wie weh ihm jeder einzelne Schlag mit dem Lineal tun würde und wie sehr er sich davor fürchtete. Das Glücksbriefchen, das er gezogen hatte, fiel ihm ein: „Heute ist Ihr Glückstag!“ Mein Gott, was für ein Glück!..

Während der Lehrer das Lineal mit voller Kraft auf Ali’s Finger herabsausen liess, zog dieser seine Hand ein kleines Stückchen nach rechts und das Lineal traf mit der ganzen Wucht die Hand des Lehrers. Der Lehrer schrie auf. Der Schmerz liess ihm die Augen hervortreten, sein Gesicht blähte sich auf wie das eines Frosches.

Die Klasse geriet durcheinander:

„Mein Lehrer, was ist passiert?“

„Mein Lehrer, möchten Sie ein Glas Wasser?“

„Gute Besserung, mein Lehrer!“

„Wenn Sie es wünschen, mein Lehrer, können wir den Unterricht heute ausfallen lassen!“

Verärgert schickte der Lehrer die Kinder in den Hof, Ali jedoch schnurstracks zum Direktor.

Der Direktor war nicht in seinem Zimmer. Ali setzte sich auf einen Stuhl und wartete auf ihn. Die Kinder fürchteten den Direktor sehr. Wenn er mal schrie, zitterten die Fensterscheiben und die Bilderrahmen an den Wänden wackelten. Einmal hatte Ali’s Freund Yavuz während dem morgendlichen Fahnenappell die vor ihm stehende Schulkameradin an den Haaren gezogen und musste wegen Respektlosigkeit gegenüber der Flagge zum Direktor. Er war eine halbe Stunde in seinem Zimmer geblieben. Als er anschliessend kreidebleich wieder herauskam, verlor er nicht ein Wort darüber, was sich dort abgespielt hatte. Und Ali hatte trotz seiner Neugier nicht gewagt, danach zu fragen.

Er erinnerte sich an die Worte seines Klassenkameraden Hasan: „Wenn Du beim Direktor bist, musst Du sein Mitleid erregen. Du musst heulen und jammern und ihm glauben machen, dass Du das Geschehene wirklich bedauerst. Sonst geht’s Dir dreckig!“

In der Tat fühlte sich Ali ziemlich schlecht, aber es war ihm überhaupt nicht nach Heulen zumute. Das Schlimmste war, zu warten und nicht zu wissen, was passieren würde.

Auf einmal fiel sein Blick auf das grosse Bildnis Atatürks auf dem Tisch des Direktors. Atatürk betrachtete ihn mit seinen dunkelblauen Augen. Ali fühlte sich noch mehr erniedrigt. Unter dem Bild stand: „Türke, sei stolz, fleissig und zuversichtlich!“ Ali dachte daran, dass er auf nichts stolz sein könnte, nicht fleissig genug war und keine Spur von Selbstvertrauen besass. Ja, was hatte er denn schon Vertrauenswürdiges? Er fühlte sich noch ein bisschen nichtiger. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und rollte sich ein wie ein Igel. Wie gern wäre er jetzt unsichtbar…

Plötzlich spürte er etwas in seiner Hand. Es war die Karte vom Glücksbriefchen-Verkäufer und darauf stand geschrieben: „Heute ist Ihr Glückstag. Geniessen Sie diese Freiheit in vollen Zügen!“ Während Ali sein Briefchen so betrachtete, spielten sich vor seinen Augen die Geschehnisse des Tages eines nach dem anderen ab. Vielleicht war es tatsächlich sein Glückstag. War denn nicht jedes Hindernis, das sich ihm in den Weg stellte, von selbst überwunden? Da waren doch die Tante, die ihn unnötig schikanierte, der Hausmeister, der ihm Angst einjagen wollte und der Lehrer, der ihn bestrafen wollte. Jeder, der ihm was antun wollte, bekam seine Strafe…

Ja, wenn das so ist, dann… Plötzlich leuchtete etwas in seinem Kopf wie ein heller Blitz auf. Wenn das so ist, dann wäre es ja unnötig, dass er sich vor dem Direktor so fürchtete. Der Direktor hatte keinerlei Recht, ihm etwas anzutun und durfte ihm auch nichts tun. Denn Ali war unschuldig. Er hatte nichts zu befürchten.

Er merkte, wie er sich plötzlich entspannte. Als ob sich ein Fenster einen Spalt breit geöffnet hätte und kristallklare reine Luft hereinströmte. Er atmete sie tief ein. Genau so war es, niemand konnte ihm so einfach etwas antun, nicht einmal der Direktor… Er atmete nochmals die reine Luft ein und schaute zum Atatürk-Bild. Es schien ihm, als ob Atatürk ihn schelmisch anlächelte. Er empfand ein seltsames Gefühl, das er bislang nicht kannte. War es etwa das, was man Selbstvertrauen nannte?

Als der Direktor hereinkam, stand Ali auf. Sein Kopf war nicht geneigt.

„Es gibt Beschwerden über Dich,“ sagte er „Sag mir ohne herumzustottern, was Du ausgefressen hast. Ich möchte auch kein Geheule und kein Gejammer hören, verstanden?“

Er schaute Ali argwöhnisch an.

Ali blickte dem Direktor ohne Furcht direkt in die Augen und sagte:

„Ich habe nichts getan, mein Herr. Als mein Lehrer mich schlagen wollte, hat er aus Versehen sich selbst getroffen.“

Der Direktor runzelte die Stirn:

„Was soll das heissen? Nimmst Du mich auf den Arm?“

Ali schüttelte den Kopf:

„Ich sage die Wahrheit, mein Herr. Es war ein Unfall. Aber der Lehrer hatte kein Recht, mich zu schlagen.“

„Willst Du uns etwa beibringen, wer wozu Recht hat?“ schrie der Direktor. „Versuchst Du mich zu belehren, ohne Dir Deiner Grösse bewusst zu sein?“ Seine Augen funkelten.

Ali antwortete nicht, schaute aber dem Direktor weiterhin in die Augen.

„Und dann schaust Du mir ohne dich zu schämen, ins Gesicht“, brüllte der Direktor. „Weißt Du, was ich mit einem machen kann?.. Scher Dich weg!“

Ali sagte furchtlos mit seiner dünnen Stimme: „Ich habe nichts gemacht, worfür ich mich schämen müsste, Herr Direktor.“

Zornig ging der Direktor auf Ali zu, fasste ihn an den Ohren und sagte: „Was bist Du für ein freches Ding! Bist Du eine Plage, oder so was?“

Obwohl seine Ohren höllisch brannten, antwortete Ali bestimmt: „Sie haben kein Recht, mich zu schlagen. Sie nicht und der Lehrer auch nicht!“

Der Direktor schickte sich gerade an, Ali seine Grenzen mit einer ordentlichen Ohrfeige zu zeigen, als die Tür zum Zimmer geöffnet wurde. Draussen stand der Schulwart mit zwei Herren und sagte: „Die Inspektoren sind hier, mein Herr.“

Der Direktor knöpfte sein Jackett zu und verbeugte sich bis zum Boden. Dann drückte den Inspektoren die Hände und sprach: „Seien Sie herzlich willkommen, meine Herren. Was für eine nette Überraschung! Nehmen Sie doch bitte erst einmal Platz und kosten unseren schwarzen Kaffee und wenn Sie wünschen, können wir anschliessend einen Rundgang durch die Klassen machen.“

Einer der Inspektoren musterte Ali und sprach: „Wer bist Du?“

„257 Ali, aus der Klasse 2 B.“

„Was hast Du hier zu suchen?“

Der Direktor schaltete sich lächelnd dazwischen: „Ich hatte ihn gerufen, mein Herr. Er ist einer meiner Lieblingsschüler, schlau wie ein Fuchs und intelligent. Er ist nur ein bisschen frech, aber soviel darf ja auch erlaubt sein.“ Dann strich er Ali zärtlich über den Kopf und sagte: „Los, mein Kind. Geh raus in den Hof, ein bisschen spielen. Und wenn Du mal was auf dem Herzen hast, dann scheue Dich nicht und komm zu mir! Vergiss nicht, es gibt kein Problem, das nicht gelöst werden kann.“

Im Hof wartete Mine ungeduldig auf Ali: „ Was ist passiert, Ali?“

Ali zuckte mit den Schultern: „Nichts ist passiert. Ich habe dem Direktor die Wahrheit gesagt.“

„Hat er Dich geschlagen?“

Ali schüttelte den Kopf und schmunzelte: „Nein, heute ist mein Glückstag.“

„Schau, was ich gefunden habe“, sagte Mine und streckte ihm ihre Hand mit einer glänzenden hundert Lira Münze entgegen. „Das habe ich gefunden, als ich heute Morgen auf Dich gewartet habe. Das ist unsere Glücksmünze. Sollen wir ein Eis kaufen?“

Ali freute sich und nickte. Dann sagte er: „Weißt Du, Mine, ich habe jetzt keine Angst mehr, nicht mehr vor dem Direktor, vor überhaupt niemandem mehr.“

Seit diesem Glückstag am 15. Mai änderte sich Ali’s Leben. Denn er hatte nun gelernt, sich selbst zu vertrauen. Nachts vor dem Schlafengehen versteckte er seine Glückskarte unter seinem Kopfkissen, holte sie morgens hervor und las sie: „Heute ist Ihr Glückstag. Geniessen Sie Ihre Freiheit in vollen Zügen!“ Das Geschriebene blieb immer gleich, nur das Datum darunter änderte sich täglich.

Als Ali eines Tages aufwachte, stellte er fest, dass das Kärtchen nicht mehr unter dem Kissen lag. Er schaute unter das Bett, hinter den Schrank, doch sie war nirgends. Er ärgerte sich aber nicht und war auch nicht traurig, denn seine innere Stimme sagte ihm, dass er sie nicht mehr benötigte…

 

Notiz der Verfasserin dieser Erzählung:

Als ich Yunus diese Erzählung vorlas, gefiel sie ihm nicht nur, er hatte auch für sich ein neues Spiel gefunden. Er war sich nicht zu bequem, jede Nacht auf ein Kärtchen, das einem Glücksbriefchen ähnelte „Heute ist Ihr Glückstag. Geniessen Sie Ihre Freiheit in vollen Zügen!“ zu schreiben und darunter das Datum des nächsten Tages zu notieren. Morgens nach dem Aufstehen steckte er das Kärtchen in die Hosentasche und ging so zur Schule, im Glauben, dass die Karte ihm Glück bringen würde.

Ich weiss nicht, ob Yunus es ernst meinte oder mich auf den Arm nahm. Manches Mal denke ich, dass er es ernst meinte. Man kann nämlich nicht sagen, dass seine Einstellung zur Schule gut wäre. Die Aufregung und Freude des Schulanfangs hatte sich etwas gelegt, wie mir schien. In den ersten Tagen, als Yunus zur Schule ging, sprach er wie ein Wasserfall, ständig erzählte er etwas:

„Heute sagte unser Lehrer, dass …“

„In unserer Klasse ist ein Kind, das Piç heisst!“ (Dass das Kind nicht Piç, sondern Behiç hieß, erfuhren wir einige Zeit später). (Piç bedeutet im Türkischen soviel wie Bastard, Anm. d. Übers.)

„Unser Lehrer hat eine Pfeife an einer schwarzen Schnur um den Hals hängen. Sobald er pfeift, sind die Kinder still!“

„Während des Morgenappels mache ich den Mund nur auf und zu, auf und zu. Der Lehrer kapiert überhaupt nicht, dass ich die Nationalhymne nicht mitsinge. Ist das nicht witzig?“

„Wir haben ein Kind in unserer Klasse, das sehr lustig ist. Wenn der Lehrer gerade wegschaut, macht er komische Sachen!“

„Das Mädchen, das neben mir sitzt, hat ein Mäppchen mit Hasen darauf. Das ist vielleicht ein schönes Mäppchen!“

„Das Mädchen, ich meine das mit dem Hasenmäppchen, sie heisst Deniz. Sie hat auch sehr schöne Malstifte, die sie mir immer gibt.“

Jetzt erzählt Yunus nicht mehr so viel über die Schule. Ich weiss nur, dass er sich mit Deniz, dem Mädchen mit dem Hasenmäppchen, angefreundet hat…

Wie Mine aus meiner Erzählung, ist Deniz auch ein blitzblankes, freundliches, durchaus liebenswürdiges Mädchen mit rosaroten Bäckchen. Sie gehen jeden Morgen gemeinsam zur Schule, nachmittags spielen sie zusammen und abends sprechen sie, zum Ärger meiner Mutter, stundenlang miteinander am Telefon,. Letztens kam Yunus freudestrahlend von der Schule. Das Glückskärtchen hätte sowohl ihm als auch Deniz, grosses Glück gebracht. Der Lehrer hatte beiden beim Lesen eine Eins gegeben. Ich denke, dass Yunus das Thema Glücksbriefchen sehr ernst nimmt.

 

 

„Das Erdbeben“ von Zehra İpşiroğlu[1] (Original:Deprem)

 

Eine Bekannte fragte Su, in welchem Land sie leben wolle: In T.? Oder in A.?

„Dies zu beantworten ist sehr schwierig: T. ist ein von Dürre geplagtes Land, A. ist ein Garten voll von bunten Blumen.“

„Also bevorzugst Du A.?“

„Das hängt davon ab, was ich tue und wie ich lebe.“

„Wie lebst Du denn?“

„In T. herrscht zwar die Dürre, doch ist die Erde fruchtbar. Ich säe, bewässere und schon treiben Knospen, Äste und Zweige treiben und setzen an, Tausende von kleinen und großen Blüten beginnen zu blühen. Im wunderschönen Garten in A. ist alles geplant und organisiert, außerdem kann ich dort nur begrenzte Arbeiten verrichten. Die kleinen Tulpen vom Unkraut trennen, sie gießen und dafür sorgen, dass sie grün werden – das ist alles.“

„Also bevorzugst Du T.?“

„Du darfst nicht vergessen, dass unter der Erde T.s ständig Bewegung herrscht. Nachdem man jahrelang gearbeitet und viel Mühe und Energie investiert hat, kann die ganze Arbeit mit einem Male vernichtet werden.“

 

 

Öznur Tuna

 

„Fest wie ein Stein“ (Original:Taş gibi sağlam)

 

Es ist zu beobachten, dass die Zahl der allein lebenden Frauen in A. von Tag zu Tag zunimmt. Eine in A. durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich in 85 Prozent aller Scheidungsfälle die Frauen dazu entschieden hatten, die Scheidung einzureichen.

Dagegen kam eine Untersuchung in T., die das dem Ministerium angegliederte Familienstudien-Institut durchgeführt hatte, zu dem Ergebnis, dass es das einzige Ziel der Frauen sei, eine gute Ehe zu führen, die ein angenehmes Leben mit sich bringe und ihren Kindern eine gute Zukunft ermögliche. Ein weiteres Ergebnis ist, dass die Ehen in T. dauerhaft und auch von den sozialen Beziehungen her fest und beständig wie ein Stein seien.

Su, die eine Muschel- und Steinsammlung besitzt, ging das Wort ‚Stein’ nicht aus dem Kopf. Ein Stein hat die Eigenschaft, hart zu sein und nicht zu zerfallen. Doch nehmen Steine, die in der Nähe eines Flusses oder eines Sees liegen, mit der Zeit andere Farben und Formen an. Su dachte: „Alles verändert sich. Auch der Stein verändert sich mit der Zeit.“

Und was ist mit denjenigen Steinen, die an einer trockenen Stelle liegen, an der kein Wasser fließt? Sogar diese gehen mit der Zeit kaputt und zerfallen.

Su schaute auf ihre kleinen und großen bunten Steine, die sie mit viel Sorgfalt gesammelt hatte, und dachte: „Das Wichtigste bei diesen Veränderungen ist ihre Art und Weise.“

 

 

Öznur Tuna

 

„Am Grenzübergang“ (Original:Sınırda)

 

Der Polizeibeamte an der Grenze von T. spricht ein ordentliches Englisch. Seine Stimme ist streng und befehlend.

„Der Grund für Ihre Einreise in T.?“

„Werden Sie sich geschäftlich oder als Tourist hier aufhalten?“

„Wie lang werden Sie bleiben?“

„So, als Tourist, hmm ... Warum sind Sie nicht mit einer Reisegesellschaft gekommen?“

Der gut gebaute, aus A. kommende Mann mit den roten Wangen und dem dicken Gesicht, der dem Beamten seinen Pass auf sehr selbstsichere Art gereicht hat, wird mit jeder Frage kleiner.

„Waren Sie vorher schon einmal in T. oder kommen Sie das erste Mal hierher?“

„Ihr Beruf?“

Der verwunderte Mann aus A. schaut sich Hilfe suchend um.

„Verstehen Sie, was ich sage? Gut, dann beantworten Sie gefälligst meine Fragen.“

Der Mann aus A. stottert, die Antworten sind knapp und sein Englisch ist nicht sehr gut.

„Sprechen Sie Englisch? Bringt man Ihnen in Ihrem Land kein Englisch bei? Gut, dann sagen Sie, was Sie mir zu sagen haben!“

„Wo werden Sie in T. wohnen? Sie wissen es nicht? Das geht nicht, wir brauchen Ihre Adresse.“

„Sie werden abgeholt ... Von wem?“

In der Schlange kommt Unruhe auf. Der Beamte wendet sich der Schlange zu und sagt:

„Bitte gehen Sie in die andere Reihe – Sie sehen doch, es dauert etwas länger!“

„Schreiben Sie auf diesen Zettel, wer Sie abholt!“

„Schreiben Sie ordentlich, man soll es lesen können.“

„Los, schnell. Ich kann mich nicht den ganzen Tag mit Ihnen beschäftigen.“

„Wenn Sie es noch weiter in die Länge ziehen, kriegen Sie eine Anklage wegen Behinderung eines Beamten beim Erfüllen seiner Dienstpflicht, also!“

Ungeduldig zu den Menschen in der Schlange: „Gehen Sie in die andere Reihe, ich hab’ doch gesagt, dass es länger dauert!“

„Warum haben Sie das Einreisevisum nach T. nicht rechtzeitig beantragt? ... Sie wussten es nicht?“

„Nach den neuen Bestimmungen müssen diejenigen, die aus A. stammen und als Tourist nach T. einreisen wollen, ein Visum besitzen. Wie können Sie das nicht wissen?“

In den blassen Augen des Mannes aus A. ist Verzweiflung zu erkennen.

„Ihr wisst alles und wollt immer alles besser wissen, wie könnt ihr dann dies nicht wissen?“

Das Gesicht des Mannes aus A. ist rot angelaufen, seine Hände sind verkrampft, auf seiner Stirn bilden sich Schweißperlen.

„Na gut, dann erfahren Sie es eben jetzt. Gehen Sie bitte auf diese Seite. Sie werden 100 Dollar für das Einreisevisum bezahlen.“

„Seien Sie froh, dass wir ein gastfreundliches Land sind, sonst hätten wir sie dahin zurückgeschickt, wo Sie hergekommen sind.“

„50 Dollar Strafe. Hätten Sie sich Ihr Visum rechtzeitig besorgt, müssten Sie jetzt keine Strafe bezahlen.“

„Anschließend müssen Sie diese Formulare ausfüllen und warten.“

„Wie lange Sie warten müssen? Woher soll ich das denn wissen? Wir sind doch kein Informationsbüro!“

„Schauen Sie, wie viele Leute hier Ihretwegen warten müssen.“

In der Schlange hinter dem Mann aus A. standen bereits sechs bis sieben Menschen. Hinter diese haben sich weitere Menschen gestellt: Arbeiter aus T., einige ältere Frauen aus T., ein paar Geschäftsleute, ein bis zwei Schüler und Su, die das ganze Gespräch still verfolgt. Die Schlange wird immer länger.

„Habe ich euch das nicht gesagt? Hier dauert es länger, geht in die andere Schlange!“

„Das geht doch nicht, Herr Beamter, wir sind extra aus der anderen Reihe gekommen, um aus der Nähe zu beobachten, wie gut Sie diesen Mann zurechtweisen!“

„Unseren Glückwunsch, Herr Beamter, würde doch jeder seine Pflicht so wie Sie erfüllen! Dann sähe es in diesem Land anders aus.“

„Anders als in A., wir wären weiter als A.“

„Der hat sich aber nicht lang halten können.“

„Seit Jahren werden wir beschimpft. Jetzt sollen die mal erleben, wie das so ist.“

„Maasallah, mein Sohn, maasallah, schön hast du ihn zum Schweigen gebracht. Ich habe auch so einen Sohn, so einen Löwen wie dich.“

„Soll er mal sehen, dass man nicht einfach so nach T. einreisen kann.“

„Schau ihn dir an, als wäre es sein Zuhause.“

„Das ist doch keine Herberge hier, soll er mal zwei Stunden warten und 100 Dollar bezahlen!“

„Ich wohne seit 20 Jahren in deren Land, aber die sind alle gleich dumm.“

„Typisch für einen aus A., ein Dummkopf!“

„Wenn der sich nur mal benehmen könnte, der ist ganz schön eingebildet!“

„Sollen immer nur wir einen draufkriegen? Jetzt sind die mal an der Reihe.“

 

 

Diler Aydın

 

„Zeitdiebe“(Original: Zaman Hırsızları)

 

Der aus A. stammende E, der Schriftsteller war und den sie sehr mochte, erzählte ihr, dass die Menschen in A. großen Wert auf Zeit legen würden, und dass sie deshalb ihre Zeit wie ihr Geld auf ein Konto einzahlen würden.

 

Die Menschen hätten das Ziel, ihre Zeit verzinst zurückzubekommen. Deshalb würden sie ihren möglichen Gewinn ständig an ihren Fingern abzählen. „Wenn ich so viel Zeit anlege, könnte ich später so viel zurückbekommen“, so ihre Rechnung. Und deshalb hätten sie auch keine fünf Minuten mehr füreinander. Zeit sei dort so wertvoll wie Geld.

 

Als er meinte, dass er in einem Land leben möchte, in dem man nach Herzenslust Zeit verschwenden kann, wie z. B. in T., riet Su  ihm  davon ab. Hast du überhaupt eine Ahnung, weißt du überhaupt über die Zeitdiebe Bescheid? Dort wachsen uns Betrug und Diebstahl über den Kopf. In einem Ort, in dem Diebe so viel Freiraum haben und ganz unbekümmert umherschlendern können, haben sich auch die Zeitdiebe ihren Freiraum geschaffen.

 

In allen Behörden, vor allem in den Bildungseinrichtungen wie der Schule und der Universität, sind sie unter uns und nehmen entweder mit freundlichem oder unfreundlichem Gesichtsausdruck, durch Wohltaten oder mit Gewalt dem Menschen das weg, was ihm gehört.

 

Die Kinder müssen schon von klein auf lernen, all ihr Hab und Gut ihnen auszuliefern.Auch in den Schulen  wird das ihnen beigebracht, und wer nicht hören will, der muss dann fühlen.

 

Weder die Kinder noch die Jugendlichen können sich richtig  ausleben.  Sie können nicht spielen, nicht lachen, sich  nicht einmal ausatmen. Sie haben zwar Wege gefunden, die Zeitdiebe zu verführen oder in die Irre zu führen, aber die bringen auch nichts.

 

Da sich  die Menschen die meiste Zeit von Dieben wegnehmen lassen, bleibt ihnen nur noch Zeit übrig für  Kleinkram.

 

 

 

Diler Aydın

 

„Regelverstoß“ (Original: „Çömlek Patladı“)

 

1.

Dadurch, dass in A. die Geburtenrate immer weiter sank, wurde man sich der Gefahr einer in Zukunft drohenden Arbeitslosigkeit der Kinderärzte bewusst. Dass die Anzahl jener Menschen, die zu der in A. lebenden Rasse gehören, immer weiter abnahm, ja dass diese Rasse sogar auszusterben drohte, bedeutete, dass das Musterbeispiel der Zivilisation zerfiel und sich neue Machtverhältnisse entwickeln würden. Auch in der Medizin, die Millionen von Dollar in ihre Anstrengungen investierte, die Gene von A. als dominant zu erhalten, litt deshalb unter einer Krise. Dadurch, dass die Anzahl der in A. geborenen Kinder abnahm und die Anzahl der Kinder, die außerhalb von A. stammten, immer weiter anstieg, entstanden auch im Erziehungswesen Probleme. Die letzten Untersuchungen ergaben, dass nicht einmal 50 Prozent aller Schulkinder aus A. stammten. Dies führte dazu, dass der häufig ausgesprochene Begriff der ‚Integration’ nochmals aufgegriffen und ausdiskutiert werden musste. Wer passte sich nun wem an? Interkulturelle Begegnungen sollten zur Bereicherung führen und nicht zur Vernichtung einer Kultur durch die andere. Für die Jugendlichen aus A., die in unbestimmten und chaotischen Umständen den außerhalb von A. stammenden Jugendlichen begegneten, war es ganz normal, in ihrer Verzweiflung zur Gewalt zu greifen. Es war offensichtlich, dass das Problem in jedem von ihnen eine ernsthafte Identitätskrise verursachte – denn diese wollten ihr Recht: das Recht, ein Staatsbürger von A. zu sein.

 

2.

Vor kurzem hat  Su  im Fernsehen Szenen gesehen, die ihr nicht aus dem Kopf gehen.

Thema war eine Mutter, deren aus A. stammenden Kinder durch einen Brandanschlag ermordet worden sind. Eine Arbeiterin mit Kopftuch.

Die Mutter sah man zuerst am Flughafen. Nominiert als „Frau des Jahres“, wurde sie voller Respekt von Polizisten empfangen und über die Grenze geführt. Später saß sie im Fernsehstudio und beantwortete Fragen:

„Empfinden Sie Hass gegenüber Menschen aus A.?“

„Warum möchten Sie immer noch in A. bleiben?“

Und die letzte Frage lautete: „Wie fühlt man sich als Frau des Jahres?“

Die Antwort der Frau: „Die Menschen interessieren sich für mich, beachten mich, lieben und respektieren mich, ich bin stolz darauf.“

 

Und das ist der Preis für Liebe und Respekt dachte sie, der Tod dreier Kinder.

 

3.

Das Hauptthema der Medien war das Notlösungsprogramm, das vom Verband der Kinderärzte mit der Absicht vorgelegt  wurde, der sich aus der ständig sinkenden Geburtenrate entwickelnden Krise entgegenzuwirken.

 

In diesem Programm war vorgesehen, die Familienplanung unter strenge Aufsicht zu stellen: Antibabypille, Spirale und ähnliche Verhütungsmittel sollten nur in bestimmten Fällen  erlaubt sein – so z. B. dann, wenn eine Frau aus A. ein Verhältnis mit einem Mann eingeht, der nicht aus A. stammt. Den verheerenden Konsequenzen, die aus einem solchen Verhältnis entstehen können, sollte auf diese Weise vorgebeugt werden. Des Weiteren wurde in diesem Programm empfohlen, jedem Neugeborenen, welches typische A.-Merkmale aufweist, den A.-Baby-Preis zu verleihen. Diese typischen Merkmale (Gewicht, Körpergröße, Stimmfrequenz, Kopfform und Ähnliches) sollten durch eine wissenschaftliche Untersuchung des Forschungsvorstandes bestimmt und der Öffentlichkeit in naher Zukunft bekannt gegeben werden.

 

In der  öffentlichen Mitteilung wird die Identitäts- und Kulturkrise  der Gesellschaft zum einen auf die ständig abnehmende Zahl der aus A. stammenden Menschen, zum anderen auf die zunehmende Zahl der nicht aus A. stammenden Menschen zurückgeführt. Obwohl immer wieder betont wird, wie aufgeschlossen und gastfreundlich die Gesellschaft von A. gegenüber den Angehörigen fremder Kulturen sei, wird auch darauf hingewiesen, dass diese Aufgeschlossenheit Grenzen haben müsse: Kein Angehöriger von A., der sich seiner Identität bewusst sei, wolle tatenlos mit ansehen, wie A. in die Hände anderer gerate. In einer Umgebung, in der sämtliche Werte und Begriffe durcheinander geraten seien, sei es an der Zeit, dass der aus A. stammende Mensch seine Stimme erhebe und auf seine Rechte poche.

 

A. ist A. A. ist weder I. noch Y. noch T. A. ist A. Und dies auszusprechen, wenn nötig auch durch Aufschreien oder unter Anwendung von Gewalt, ist das Recht eines jeden aus A. stammenden Menschen.

 

4.

 

Dokumentarfilme und Reportagen über die Nazizeit verpasste  Su nie.


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Version vom 29.03.2011 um 12:55:51